Monat: März 2004

Phänomene des Alltags: 1Live

Zuletzt aktualisiert am 30. Juli 2010 von Wolff von Rechenberg

Auch die letzte Tür besteht aus schwerem Glas (gepanzert?). In der Ecke gegenüber der Tür lauert eine Überwachungskamera auf eine falsche Bewegung. Meine Frage, ob Osama bin Ladn heute noch erwartet wird, bescheidet der 1Live-Mitarbeiter mit der Auskunft, der habe zumindest keinen Termin. So ändern sich die Zeiten: Heute sitzen schlecht rasierte Mittzwanziger in schwarzen T-Shirts in den Hochsicherheitstrakten der Hochhäuser. Früher lauerten sie mit dem Molli in der Hand vor der Tür oder veranstalteten Strick-Ins im Foyer.

Phänomene des Alltags: Media-Park, Köln

Zuletzt aktualisiert am 30. Juli 2010 von Wolff von Rechenberg

Der Mediapark in Köln ist einer der unangenehmsten Orte auf diesem Planeten. Hier stehen Glasbauten mehr oder weniger zusammenhanglos am Rande eines Teichs. Ein kleines Brücklein hier, ein paar Arkaden dort. Das ganze wirkt so konzeptlos wie in der Auslage eines fliegenden Händlers: Jetzt alles zum halben Preis! Alles muss weg! Sie wollen den Würfel da drüben? Kein Problem, soll ich ihn einpacken? Wie? Aber natürlich liefern wir auch frei Haus. Nur weg damit! Im Grunde sollte man den, der diese Einöde Park getauft hat, geteert und gefedert vor die Stadt tragen. Im Grunde gibt es nur einen passenden Namen für diese Wüste in zentraler Lage: Media-Friedhof Freunde des gepflegten Stabreims aus dem Kinderprogramm dürfen auch Media-Mausoleum sagen.

Phänomene des Alltags: Der Bundespräsident

Zuletzt aktualisiert am 30. Juli 2010 von Wolff von Rechenberg

Gerade ist die eklige Schlammschlacht vorbei. Im Minutentakt sind Politiker wie Wolfgang Schäuble über die Klingen der Parteiproporzbürokratie gesprungen. Jetzt steht fest, wer nach dem Willen von Union und FDP Johannes Rau im höchsten Staatsamt nachfolgen soll: IWF-Chef Horst Köhler. Ein Mann, den die meisten Deutschen nicht kennen. Das ist aber kein Problem, weil die meisten Deutschen auch nicht wisen, wozu ein Bundespräsident gut ist. Also liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, eigentlich soll der Bundespräsi in letzter Instanz Gesetze abzeichnen oder sie bei begründeten Bedenken ans Parlament zurückschicken. Ersteres ist die Regel, letzteres kommt so gut wie nie vor. Denn letztlich bleibt ein Politiker auch im Palais Bellevue was er ist: Ein Büttel seiner Partei. Daneben soll der Präsident im Ausland Ehrenkompanien abschreiten und kluge – am besten geschichtsträchtige – Reden halten. Weil die Kandidaten danach aber nicht ausgesucht werden, haben wir nur zufällig alle paar Jahrzehnte einen Bundespräsidenten, der dabei wirklich eine gute Figur macht. Entweder sind das blasse Apparatschiks wie Herzog, alte Nazis wie Carstens oder alte Männer mit schlecht sitzendem Zahnersatz wie Rau. Nach dem allmählichen Aussterben der alten Nazis bleibt uns nur abzuwarten, welcher der beiden anderen Kategorien der oder die Neue angehört. (Wettangebote unter: Kommentar)

Der Journalismus: Eine Hinrichtung III

Zuletzt aktualisiert am 30. Juli 2010 von Wolff von Rechenberg

Weil also die Kohle so überaus billig ist, kauft unser Kunde auch gern mal Qualität. Da geht ein Aufschrei der Begeisterung durch die Kumpelkolonie: Wir haben es gewusst! Der Leser, Zuhörer oder Zuschauer weiß eben doch, was gut ist. Sofort stürmen wieder zwanzig neue Kumpel in das Kaff, schuften nachts an der Tankstelle und fahren ansonsten in die Grube, kommen mit ihren Kohlen hinauf und zeigen sie den Kollegen: Seht mal, wie mir dies Brikett gelungen ist! Damit der Laden läuft, verteilen die Minengesellschaften Preise. Bei deren Verleihung werden rote Teppiche ausgerollt und Frauen darüber geführt, denen die Brüste aus dem Dekolletée hüpfen. Sex sells – auch im Bergwerk der Abiturienten und der Promovierten. Die Preisträger werden als Lichtgestalten herumgezeigt. Sie halten allen Kumpels Den Spiegel vor, um zu zeigen: Das kannst du auch schaffen, wenn du Die Zeit der unterbezahlten Wühlerei überstehst. Sieben Mal wirst du die Flasche sein, aber einmal auch im hellen Schrein.

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