Phaenomene des Alltags: Die Börse

Der Dax sei orientierungslos, schrieb die Wirtschaftswoche am gestrigen Mittwoch. Das wäre an sich keine Nachricht, wenn der Dax ein Tier wäre. Ein Tier wie der Frosch im Glas, der das Wetter voraus sagen soll. Der klettert entweder rauf oder runter. Kaum zu erwarten, dass er dabei die Orientierung verlöre, aber auch nicht ausgeschlossen.

Genau genommen kann auch der Dax nur rauf oder runter. Dass er bei dieser schlichten Auswahl schon die Orientierung verliert, kennzeichnet ihn als niedere Lebensform, die fürs Überleben selbst in ihrem natürlichen Lebensraum nur mangelhaft ausgestattet ist. Anders als der Frosch, macht der Dax ja nur in seinem angestammten Habitat Sinn: an der Börse.

Dieses Ökosystem zeichnet sich seinerseits ebenfalls durch erschreckende Anzeichen von geradezu menschlicher Dysfunktionalität aus. Die Börse sei verschnupft, heißt es manchmal in den Nachrichten, oder sie reagiere zurückhaltend. Manchmal fehlen ihr auch „die Vorgaben aus New York und Tokio“. Die Börse ist also äußerst anfällig für Infektionskrankheiten, von eher schüchternem Temperament (Hat sie dadurch Probleme bei der Fortpflanzung?) und sie ist so faul, dass sie am liebsten hinter ihren Artgenossen in New York und Tokio hertrottet. Ambitionen, selbst einmal die Leitkuh in der globalen Börsenherde zu werden, besitzt sie augenscheinlich nicht.

Nun neigen wir Menschen oft dazu, die Welt um uns zu vermenschlichen. Ein Beispiel: Nach den Worten von Al Gore, staubtrockener US-Wanderprediger im Dienste des Weltklimas, hat die Erde im Augenblick beispielsweise Fieber. Die Viren wären wir. Den Dax und die Börse bevölkern – nun ja – besondere menschliche Viren: die Analysten. Weil mikrobiologische Erkenntnisse über diese Geschöpfe fehlen, sind wir auf Beobachtungen aus der Verhaltensforschung angewiesen.

Dabei neigen wir dazu, selbst unsinnigste Verhaltensweisen mit scheinbar vernünftigen Deutungen zu verknüpfen. Ein Beispiel: Es muss im zweiten oder dritten Jahr des iPod gewesen sein, da meldete Apple das beste Ergebnis in der Unternehmensgeschichte. Der Aktienkurs brach dennoch ein. Die Analysten, hieß es, hätten mehr erwartet. Vieles an dieser Misere hat damit zu tun, dass die Erforschung des Analysten und die Deutung seines manchmal rätselhaften Verhaltens ausschließlich in den Händen von Journalisten liegt – und in den Händen von Wirtschaftsprofessoren, die aus mystischen Formeln schicke Diagramme entwickeln, um uns weiszumachen, Wirtschaft sei eine exakte Wissenschaft.

Dabei gehört die Forschung rund um die Börse in die Hände der Psychologen und Parapsychologen, der Astrologen und Kartenleser, kurz: in die Hände all jener Berufsgruppen, die über eine gewisse Erfahrung im Umgang mit paranormalen Phänomenen besitzen. Denn die Börse ist ein Phänomen, wenn auch eines des Alltags.

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