Nach dem Brexit: Jeder von uns könnte der nächste sein

„A tragic split“ – eine tragische Trennung. So titelt The Economist heute. Am Anfang vom Ende Großbritanniens in der EU. Die Briten haben gestern mit einer Mehrheit von 52 zu 48 Prozent den Brexit gewählt, den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union. The Economist bringt für „little Britain“ eine Sonderausgabe heraus. Die Zeitung bezeichnet den Brexit als sinnlosen selbst verursachten Schlag. So ratlos, so verzweifelt und wütend werden die Briten ihre renommierte Wirtschaftszeitung noch nie erlebt haben.

Bis zuletzt hatte man in den Redaktionsbüros wohl nicht daran geglaubt, dass es dazu kommen würde. Denn für den Brexit gibt es kein einziges vernünftiges Argument. Die Briten müssen demnächst wieder Zölle für Waren aus Europa zahlen. Der Finanzplatz London wird seine Bedeutung verlieren, wenn er nicht mehr die Schnittstelle zu Europa ist. Und warum sollten japanische Konzerne Autos in Großbritannien produzieren, die auf dem Kontinent durch die hohen Einfuhrzölle zu teuer werden? Die Liste ließe sich fortsetzen.

All diese Argumente hat Großbritanniens seriöse Presse ihren Lesern wie ein Mantra vorgetragen, Wirtschaftsverbände haben sich ebenso gegen den Brexit reingehauen wie Großbritanniens Premier David Cameron. Doch gerade dieser David Cameron wird als tragische Figur in die Geschichte eingehen. Der konservative Premierminister sah sich schon kurz nach seinem Amtsantritt 2005 einer wachsenden Skepsis gegenüber Europa gegenüber – und einer erstarkenden rechtspopulistischen United Kingdom Independent Party (UKIP).

Um den Rechtspopulisten in die Parade zu fahren, versprach Cameron den Wählern nichts Geringeres als eine Modernisierung der Europäischen Union im Sinne der Briten. Sollte dies nicht geschehen, dann sei es besser zu gehen. Der kleine David drohte dem Brüsseler Goliath mit dem Referendum über einen Brexit. Dabei erweckte er fahrlässig den Eindruck, der EU-Austritt sei eine realistische Option für das Vereinigte Königreich, wenn auch nicht die erste Wahl.

Beim Wähler kam dieser Akt der Selbstüberschätzung gut an. Besser als Cameron selbst sich hätte träumen lassen. Rechtspopulistische Demagogen wie UKIP-Chef Nigel Farage mögen im Brexit-Zug den Kessel geheizt haben. Doch David Cameron löste die Bremsen. Als der Regierungschef sich endlich dem Brexit entgegenstellte, war es zu spät. Der Zug ist nun über ihn hinweggerollt, und Cameron hat die Konsequenzen bereits gezogen. Er verkündete heute seinen Rücktritt.

Welche Konsequenzen sollte Europa ziehen? Unter Europas politischen Führungskräften gibt es einen lieb gewonnen Brauch. Erfolge schreibt man sich selbst zu, Unpopuläres lädt man in Brüssel ab. Wie gefährlich solche Anti-Europa-Wahlkämpfe sein können, das sollten wir aus dem Beispiel David Camerons lernen. Den Brexit hat, einmal ins Rollen gekommen, nichts und niemand aufhalten können. Und Großbritannien könnten wir alle sein. Jeder von uns Europäern könnte der nächste sein, der plötzlich in einem Land aufwacht, das einmal der EU angehörte.

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