Warum gibt es Linux? Keiner, der es herstellt, darf damit auch nur einen müden Euro verdienen. Das Betriebssystem dümpelt in der Beliebtheit bei normalen Computerusern seit Jahren bei Marktanteilen herum, die in der Medizin als homöopathisch gelten. Warum Linux? Weil ein paar bleiche Nerds mit Brillengläsern von der Stärke von Colaflaschenböden gern vor dem Bildschirm sitzen und kryptische Befehle auf der Kommandozeile tippen? Das trifft vielleicht auf die erste Generation von Linux-Usern zu.
Einen großen Teil der Reize des freien Betriebssystems erklärt home42 in seiner umfangreichen und lesenswerten Hommage an sein Linux. Sie hat diesen Artikel inspiriert.
Doch sein Linux ist nicht mein Linux, ist höchstwahrscheinlich wieder nur das Linux einer Fraktion einer bunten Gemeinde. Mein Linux ist das Linux, für das es keinen Grund gibt. Natürlich: Es gibt Firmen, die viel Geld mit Linux verdienen. Red Hat, Novell, IBM, HP, Nokia setzt es auf seinen mobilen Internet Tablets ein, Motorola verwendet es auf Handys, und, und, und…
Sie alle schätzen Linux, weil es über all die Vorteile verfügt, die home42 darlegt. Aber sie verwenden Linux, weil es da ist. Nicht umgekehrt. Linux ist nicht entstanden, weil irgend jemand damit Geld verdienen konnte. Darin steckt viel mehr als eine wunderbare Ansammlung von Nullen und Einsen, sondern ein Gegenentwurf zu den kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten, wonach Dinge nur entstehen, wenn sie Profit bringen.
Erweitern wir das Thema auf das gesamte Feld der freien Software, dann fällt unser Blick auf einen Browser, der mittlerweile als Technologieführer auf seinem Gebiet gilt: auf den Firefox, vom mittlerweile auf den Säulen einer Stiftung ruhenden Mozilla-Projekt. Schnelle Sicherheitsupdates, vielfältige Erweiterbarkeit, RSS-Fähigkeit, Tabbed Browsing. In all diesen Dingen führte der Firefox stets das Feld an.
Sprechen wir von GIMP. Das Gnu Image Manipulation Program ist mittlerweile der einzige ernstzunehmende Konkurrent für Adobes Photoshop auf dem Gebiet der Bildbearbeitung. Nicht die Produkte von beispielsweise Corel. Nach Lesart der kommerziellen Software-Hersteller kann es gar nicht sein, dass ein so komplexes Programm in Teamwork und ganz ohne kommerzielle Interessen entsteht. Aber GIMP gibt es. Genauso wie das DTP-Programm Scribus oder die Büro-Suite Open Office.
Damit einher geht ein vollkommen anderes Marketing, stellenweise fast ein Anti-Marketing. Einige Linux-distributoren (Ubuntu, Suse) sehen ihre Mission tatsächlich darin, Linux auf den Desktops der Privatanwender zu verbreiten. Aber Debian? Slackware? Gentoo?
Die Linux Newsmags im Internet quellen über vor guten Ratschlägen, wie Linux zu sein hätte, um den Massenmarkt zu erobern. man könnte glauben, Micosoft-Boss Steve Ballmer sei der einzige Mensch, der einen Dammbruch zugunsten von Linux für möglich hält. Die Linux-Fans – so scheint es – können sich das nicht vorstellen. Ist das die Angst des Fußballers vor dem Elfmeter? So weit gekommen zu sein, und nun doch zu scheitern?
Dabei gibt es keinen Zweifel am langsamen Eintritt von Linux in den Massenmarkt: Dell liefert Notebooks mit vorinstalliertem Ubuntu-Linux, Asus liefert seinen neuen Billig-Klein-PC Ieee ab November auch mit Linux. Dadurch kommt Windows sogar ganz mächtig in Zugzwang: Microsoft hat heute erst eine abgespeckte Vista-Version angekündigt, weil das richtige Vista schon die ganze Festplatte zum Überlaufen brächte.
Hier passiert genau das, was der Firefox im Browserkrieg geschafft hat, Linux hat den Giganten technologisch in Rückstand gebracht. Eines ist sicher: Windows wird diesen Rückstand nicht mehr aufholen können. Es sei denn, sie entschieden sich für ein vernünftiges Dateisystem, eine strikte Nutzerverwaltung und stellten das Ergebnis unter der freier Lizenz ins Netz, um eine größere Entwicklergemeinde daran zu beteiligen.
Kurz: Windows hat nur eine Chance, seinen Marktanteil zu halten: Es muss schnellstens weitgehend wie Linux werden.

“…Gegenentwurf zu kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten…”? Sei vorsichtig, was Du schreibst, sonst glaubt unsere Politik und Wirtschaft doch noch, was Microsoft mal verbreitet hat – Linux sei Kommunismus – und dann stellt womöglich die FDP vor dem Verfassungsgericht noch einen Verbotsantrag…
[...] 24th, 2007 · No Comments In seinem Artikel “Ein bisschen Linux gehört in jedes Ding” beschreibt der JournalistWolff von Rechenberg Linux unter anderem als Gegenentwurf “zu den kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten, wonach Dinge nur entstehen, wenn sie Profit bringen.” In einer Studie zur Qualität von Wikipedia-Artikeln annonymer Autoren kamen Wissenschaftler der Universität Dartmouth in New Hampshire zu Schlüssen die in eine ähnliche Richtung weisen: “Tatsächlich sprengt das Ergebnis der Studie die traditionellen wirtschaftswissenschaftlichen Motivationsmodelle – vom finanziellen Anreiz über den Reputationsgewinn bis hin zur Gruppenidentität”. Möglicherweise erleben wir mit offenen Projekten wie den verschiedenen Linux-Systemen, Wikipedia und vielleicht auch Teilen der Blogger-Szene (verstanden als eine Art freier Journalistischer Tätigkeit) die Geburt eines ganz neuen Weges des Wirtschaftens – jenseits der bisherigen Definitionen von Kapitalismus, Kommunismus oder was auch immer. Jeder tut, was er kann und bekommt im Austausch, was er braucht, wobei Eigentum und Freiheit in keinster Weise in Frage gestellt werden. Noch etwas: Der Wert für die Gemeinschaft vervielfacht sich durch das nicht profitorientierte Teilen mit allen. [...]