OOXML: Ende der Kolonialherrenart

Anfang April schien alles gelaufen: „Office Open XML ist ISO-Norm“, notierte das Newsportal Golem trocken. Doch schon im selben Atemzug wurden Zweifel daran laut, dass bei der Verabschiedung des Standards alles mit rechten Dingen zugegangen ist. So meldete das Ubuntu-Newsmagazin Ikhaya am selben Tag, dass in Finnland bei der Abstimmung über Microsofts neuen Office-Standard aus einer Enthaltung auf unerklärliche Weise ein „Ja“ geworden ist.

Solche Unstimmigkeiten haben die einzige Macht auf den Plan gerufen, die sich bisher mit dem mächtigen Softwarekonzern angelegt und gewonnen hat: die Wettbewerbshüter der Europäischen Union. Doch nun melden sich drei weitere Staaten: Südafrika, Indien und Brasilien. Sie bemängeln, dass ihre Bedenken gar nicht angehört wurden. Stattdessen wurden die Kläger mit dem Hinweis auf Zeitmangel abgebürstet.

Ein Absatz erscheint mir besonders bedeutungsschwer: „Es sei das erste Mal, dass in dem für Dokumentenformate zuständigen Gremium JTC 1 der ISO/IEC überhaupt ein Widerspruch laut geworden sei.“ Das zeigt, wie wichtig globale Regelungsinstitute in Zeiten des globalen Wandels werden. In einer Welt, in der Standards nur zwischen den USA und den europäischen Industrienationen ausgehandelt werden mussten, ging vieles informell. Dass zwischen den USA und dem Europa des Kalten Krieges ohnehin eine weitgehende Kongruenz der Blickwinkel vorherrschte, vereinfachte die Dinge zusätzlich. Spätestens der Irakkrieg von George Bush II. hat die Wege der Europäer von denen ihrer Supermacht getrennt.

Nun stoßen etliche Schwellenländer hinzu, die sich nicht mehr nach Kolonialherrenart administrieren lassen wollen. In indien, China und Brasilien ist die Migration der öffentlichen Verwaltungen zu Linux sehr viel weiter fortgeschritten als selbst in Europa. Dieses wachsende Bedürfnis, eigene Interessen in das weltweite ökonomisch-politische System einzubringen, trifft gegenwärtig allerdings auf eine westliche Führungsmacht (USA), die weniger denn je bereit ist, irgendetwas außer sich selbst ernst zu nehmen. Wir dürfen gespannt sein, ob sich die Normierungsorganisationen ihrer gestiegenen Verantwortung gewachsen zeigen.

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