Ubuntu: Zehn Jahre Linux für Nutzer

Ubuntu 4.10 Warty Warthog Screenshot
(c) commons.wikimedia.org

Mit dem „warzigen Warzenschwein“ fing es an. Unter dem Namen „Warty Warthog“ erschien im Oktober 2004 die erste Version von Ubuntu. Zehn Jahre später hat sich die Linux Distribution des schwerreichen Südafrikaners Mark Shuttleworth als Inbegriff für Benutzerfreundlichkeit in der Linux-Szene etabliert.  

Unternehmen wir eine kleine Zeitreise: Anfang 2004 wechselte ich zu Linux und sammelte erste Erfahrungen, zuerst mit Fedora Core 3. Nebenbei probierte ich Debian, Suse und Mandrake (heute Mandriva Linux). Schließlich erfuhr ich von einem Linux mit einem merkwürdigen Namen, der in irgendeiner afrikanischen Sprache „Mitmenschlichkeit“ oder so etwas bedeutet: Ubuntu. Ich lernte eine Linux Distribution kennen, die auf Debian GNU Linux basierend, eine schlüssige Designvorstellung verfolgte und bereit war, für die Benutzerfreundlichkeit mit der reinen Lehre in Konflikt zu geraten.

Ubuntu, der Sudo und die reine Lehre

Ein Beispiel war der „Sudo„. Wer Software installieren oder etwas am System ändern will, bestätigt die Änderung mit dem Benutzerpasswort. Ein gesonderter Benutzer „Root“ ist nicht vorgesehen. Natürlich bedeutet das einen Unsicherheitsfaktor. Ubuntu findet Argumente für den Sudo: Kein Benutzer muss sich zwei Passwörter merken. Das ist nicht nur einfacher, es führt den Nutzer auch nicht in Versuchung, statt des Benutzerkontos ständig den Root-Zugang zu benutzen, wie es Nutzer von Windows XP oft taten. Das dauerhafte Arbeiten oder Surfen als Root, als Systemadministrator, gefährdet das System weit mehr als der Sudo.

Ubuntu verfolgte noch einen zweiten Ansatz. Regierte in Linuxforen bis dahin ein erschreckender Mangel an sozialer Kompetenz. Anfänger ließ man auflaufen. Linux vor Ubuntu war oft eine Angelegenheit von Nerds für Nerds. Ubuntu scharte schnell eine Gemeinschaft um sich, die mit großem missionarischem Eifer  um Einsteiger warb. In den Foren wachten die Administratoren über einen freundlichen Ton, auch gegenüber Anfängern, die ihre Probleme nicht immer genau beschreiben konnten. Ubuntuusers.de hat sich bis heute zur wohl umfangreichsten deutschsprachigen Wissenssammlung über Linux im deutschsprachigen Internet entwickelt. All dies geschah, obwohl Ubuntu der basisdemokratische Charakter von Debian fehlte.

Release Parties für Breezy, Dapper, Lucid

Shuttleworth, der sich selbst zum „wohlwollenden Diktator auf Lebenszeit“ ernannte, gab den Fans eine einfache Idee von Gutmenschentum, die die Menschen inspirierte, die sie weiterentwickelten: in den Foren ebenso wie in den zahlreichen Ubuntu User Groups. Dazu gab Shuttleworth seinen Fans einen festen Kalender mit regelmäßigen Events. Jedes Jahr im April und Oktober erschien Ubuntu in einer neuen Ausgabe mit einem neuen knuffigen Namen. Blogs und Foren nahmen den Stein auf. Die regionalen Gruppen veranstalteten Release-Parties für Hoary Hedgehog, Breezy Badger, Dapper Drake, Lucid Lynx oder wie sie alle hießen.

Anfangs bekam jede Version Gegenwind aus den Kreisen der älteren Distributionen. Eingefleischte Nutzer von Debian warfen Ubuntu vor, es spalte die Linuxwelt: Schließlich sei jeder Ubuntunutzer ein Debiannutzer weniger. Ubuntu ziehe Entwickler von Debian ab, Shuttleworth nutze die Basis von Debian und gebe nie etwas zurück. Ob die Vorwürfe stichhaltig waren, müssen andere beurteilen. Fakt ist: Jahre lang haben Debian und Fedora kaum Leute für sich interessiert, die einen Computer einfach nur benutzen wollen. Völliges Unverständnis löste die Tatsache aus, dass Ubuntu so schnell so viel Erfolg hatte, obwohl es nie so stabil war wie Debian und nie so aktuell wie Fedora. Aber es ging nicht um Technik, sondern um ein Benutzererlebnis. Mark Shuttleworth hat das gewusst und so konsequent danach gehandelt wie vor ihm nur Apple-Gründer Steve Jobs.

Linux im Moma

Ubuntu hat rückblickend Linux wohl mehr genützt als geschadet. Vor dem Auftritt von Ubuntu galt Linux außerhalb der Fangemeinde als spleeniger Zeitvertreib von blassen Computerfreaks mit dicken Brillen. Der sicher nicht immer berechtigte Hype um Ubuntu brachte Linux in die Mainstreammedien. Als Microsoft im April 2014 den Support für Windows XP einstellte, berichtete sogar das Morgenmagazin in ZDF und ARD über Ubuntu als mögliche Alternative. Ubuntu hat der Linuxgemeinschaft noch einen Dienst erwiesen. Selbst Experten-Distributionen wie Gentoo oder Arch, ja sogar das konservative Debianprojekt: Alle bemühen sich heute um einen freundlichen Umgangston in Communities und Foren. Auf der Basis von Ubuntu entstanden neue Distributionen wie Linux Mint. Es entwickelte sich ein regelrechter Wettlauf um das benutzerfreundlichste Konzept. Das lässt uns auf die nächsten zehn Jahre hoffen.

ArsTechnica feiert den zehnten Geburtstag von Ubuntu mit einem Rückblick, der auf Deutsch bei Zeit Online nachzulesen ist.

Wer das erste Ubuntu noch einmal erleben will, kann heute noch Warty Warthog herunterladen.

2 Antworten auf „Ubuntu: Zehn Jahre Linux für Nutzer“

  1. Bin seit etwa 1999 Linux-User. Zuerst verschiedene Suse-Versionen, dann Debian, dann diverse Ubuntus und Mints mit zwischenzeitlichen Versuchen noch anderer Distributionen – die aber nur zum Ausprobieren. Bin heute wieder bei (K)Ubuntu LTS. Sehr gute Hardwareerkennung, gute Multimedia-Unterstützung und einfachste Installation, was will man mehr.
    Und vor allem: Keine Bevormundung durch große Konzerne!
    Unity, der Ubuntu-eigene Desktop, ist zwar nicht mein Ding (aber bei Ubuntu kann man sich es ja aussuchen), trotzdem könnte mein nächstes Smartphone ein Ubuntuphone sein.
    Mein Dank gilt der gesamten Linux-Community, bei der eben auch die Vielfalt dazugehört! Und Ubuntu hat hier einen sehr bedeutenden Platz!

  2. Bin seit 2000 dabei. Damals noch mit SuSE Linux 7.0.
    Ab 2007 wurde Ubuntu eingesetzt. (Ich weiß heute absolut nicht mehr, wie ich auf Ubuntu gekommen bin!)) Seit 7.04 Feisty bin ich begeisterter Ubuntu-User: Alles – wirklich ALLES – lief out of the box! Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen und viele Anwender meckern über Ubuntu, als ob es der Teufel wäre. Sicherlich sind ein paar Angelegenheiten weniger „optimal“. Unity ist nicht jedermanns Geschmack. Allerdings hat Ubuntu mit dem HUD ein absolutes Killer-Feature. Einmal benutzt und sofort als Offenbarung empfunden.

    Kein anderes GNU-/Linux-Betriebssystem polarisiert mehr als Ubuntu. Aber: Ubuntu funktioniert tadellos.
    Danke Mark!
    Und Danke an die guten Menschen von ubuntuusers.de, die mit ihrer geduldigen und freundlichen Art jedem helfen, der Hilfe benötigt!

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