„Very bad“: Der Exportweltmeister blufft gut

Das deutsche Exportwunder hat eine beängstigende Kehrseite. Eine verborgene Seite – dank Donald Trump. Erst jüngst wetterte der US-Präsident beim G7-Gipfel, Deutschland sei „bad, very bad“! Es exportiere zu viele Autos. Solche Angriffe auf die deutschen Handelsbilanzüberschüsse kontert ein Außenminister Sigmar Gabriel lapidar: „Was können wir dafür, dass unsere Autos so gut sind?“ Deutschlands sagenhafte Exportüberschüsse verkauft die Bundesregierung im Wahlkampf gern als Beweis deutscher Stärke. Der Bluff könnte sich rächen.

Unter der Haube der Exportstärke

Philipp Stachelsky hat gemeinsam mit dem Bozener Ökonomen Mario Huzel auf dem Makronom-Blog einen Blick unter die chromblitzende Haube der vermeintlichen deutschen Exportstärke. Ihr Befund: „Anstatt Deutschlands Rolle als Exportüberschuss-Weltmeister zu feiern, könnte man also auch über den Malus des Importdefizit-Absteigers klagen.“ Die Gründe sehen die Autoren in der schlechten Inlandsnachfrage, begründet durch:

  1. Ungerechte Einkommensverteilung
  2. Lohndumping
  3. Dadurch sinkende Inlandsnachfrage
  4. Hohe Sparquote bei Haushalten, Wirtschaft und Staat

Geld ist nur dann gut, wenn man es nicht ausgibt. Das ist das Grundprinzip der schwäbischen Hausfrau, die sich freilich nicht um die Kaufkraft der Kunden ihres Gemischtwarenladens scheren muss.

Der kranke Mann mit dem schlechten Gedächtnis

Die deutsche Selbstbeweihräucherung zeugt von einem sehr schlechten Gedächtnis: So erwarten die Wirtschaftsinstitute für 2017 ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent. Dynamik klingt anders, finden Sie? Da haben Sie Recht. Bundesfinanzminister Hans Eichel rechnete seinerzeit für das Jahr 2000 mit einem Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent. 1999 verzeichnete Deutschlands Leistungsbilanz ein vergleichsweise schmales Plus von 13,2 Milliarden Euro. 2016 lag der Überschuss übrigens bei 56,37 Milliarden Euro. Wachstum hat also nicht zwingend mit Überschüssen zu tun.

Noch mehr Anlass zur Sorge bereitet ein Vergleich der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. SPD-Mann Eichel erwartete seine 2,5 Prozent vor dem Hintergrund einer exportfeindlich starken D-Mark, und Deutschland galt – halten Sie sich fest – als der kranke Mann Europas. Heute prognostizieren die Wirtschaftsweisen ihre 1,5 Prozent vor dem Hintergrund einer Euro-Talfahrt, die deutsche Waren auf den Weltmärkten jeden Tag billiger macht. Zusätzlich flutet die Europäische Zentralbank EZB die Märkte mit historisch billigem Geld, praktisch zinsfrei. Dennoch: Das deutsche Wirtschaftswachstum wird dieses Jahr nicht einmal 2 Prozent erreichen.

Die Alarmsignale von Bitterfeld-Wolfen

Das lässt nur einen Schluss zu: Der Export steht am Anschlag. Mehr geht nicht. Das macht deutlich, welche Abgründe sich hinter der trügerischen Exportüberstärke auftun. Dahinter verbirgt sich eine dauerhafte Schwäche der Inlandsnachfrage. Das ist nicht ungefährlich. Schlägt Trumps Protektionismus durch, bricht der Export ein, dann gilt Deutschland schnell wieder als der kranke Mann Europas. Stachelsky und Huzel übersehen in ihrem Kommentar einen alarmierenden Punkt: die Demografie. Deutschland stirbt dahin.

Der britische Economist hat beispielhaft Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt besucht. Gäbe es die DDR heute noch, wäre sie das im Schnitt älteste Land der Welt, schreibt der Economist. Abwanderung und Verunsicherung der Wendejahre schlug auf die Geburtenrate. Kinder die in den 1990er Jahren aber nicht geboren wurden, können aber 2010 auch selbst keine Kinder zeugen. Auch hier steht Deutschland am Anschlag. Mehr Inlandsnachfrage durch mehr Beschäftigung? Ausgeschlossen! Dafür fehlen Deutschland die Arbeitskräfte. Aber selbst Sozialleistungen wirken sich bei der Nachfrage aus. So hievten die Flüchtlinge in den vergangenen Jahren die Wachstumsraten in Deutschland, Österreich und Schweden um 0,5 bis 1,1 Prozentpunkte an.

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