Der Ossi und die Demokratie

Gott hasst denkende Menschen. Wie könnte er sonst Anne Will erlauben. Die ARD-Sonntagabendtalkerin widmete sich gestern dem Phänomen Demokratieverdruss. Hintergrund: Eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung hat ergeben, dass die Demokratie in Deutschland an Rückhalt verliert.

In der Bearbeitung des Phänomens folgt Frau Will dem bewährten Muster: Um den Arbeitsaufwand in der Vorbereitung gering zu halten, verengt sie das Problem auf einen Teilaspekt: Im Osten genießt unsere Demokratie noch weniger Zustimmung als im Westen. Da sitzt unter anderem Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) in der Runde, der strenge Zuchtmeister der Ossis, der den Menschen hier stets gern erklärt, warum sie noch nicht zu mündigen Bundesbürgern taugen. Der niedersächsische FDP-Landtagsabgeordnete Philipp Rösler betreibt den lieben langen Abend lang Wahlkampf.

Und mit Wahlkampf kann Frau Will. So beharken einander die Parteien und kommen überein: Das Problem ist der Ossi. Der versteht einfach nicht, was die Wessis ihm Gutes getan haben, und betrachtet das Nörgeln als legitime Meinungsäußerung. Wenn er nicht zufrieden ist, soll er doch rüber… Scheiße, geht ja nicht mehr. Also, dann soll er aufhören die Linkspartei zu wählen. Die Versuchung der Menschen, die NPD zu wählen, schien dem Gesprächskreis deutlich geringere Probleme zu verursachen.

Nur eine einzige Teilnehmerin mahnte ein Nachdenken über das politische System an, warnte, dass die Studie ja auch im Westen eine sinkende Zustimmung zum politischen System unseres Landes gezeigt habe: Dagmar Enkelmann, die Vertreterin der Linken. Doch Anne Will schätzt keine komplexen Problembeschreibungen oder Lösungsansätze. Insofern ist Anne Will eine gute Vertreterin des politischen Systems. Wenn sich der Mensch im System nicht mehr zuhause fühlt, dann muss sich der Mensch ändern, nicht das System. Ist doch ganz demokratisch, oder? Und so lange liegt die Schuld an allem bei der Linkspartei, basta!

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