Phaenomene des Alltags: Die Wespe

Wespe sticht in den Finger

Foto: Mensi/Pixelio.de

Die Wespe ist ein Rätsel der Natur. Man kann sie nicht essen, sie produziert nichts, was in irgendeiner Kultur als lecker gilt, und die traditionelle fernöstliche Heilkunst kennt kein Potenzmittel auf der Basis der Wespe. Komisch, wo doch die Allegorie vom gezückten Stachel eigentlich auf der Hand liegt. Dass chinesische Mediziner nie auf einen solchen Gedanken gekommen sind, beweist die Tatsache, dass die Wespe nirgends vom Aussterben bedroht ist. Eine Tatsache, die nicht wenige Erdenbürger bedauern.

Nicht nur auf Schalke, wo man dem Tier wegen seiner Borussentracht mutmaßlich besonders hartnäckig nach dem Leben trachtet, ist die Wespe ein gewohnter Gast in der Auslage der Straßenbäckereien. In der Stadt ist die Wespe das letzte noch verbliebene Raubtier, das dem Menschen gefährlich werden kann. Der letzte noch in Zivilisation verbliebene natürliche Feind des Menschen, der sein mit Beißwerkzeugen bewehrtes Haupt trutzig gegen die Herrschaft des Menschen erhebt. Mit Erfolg: Ein romantisches Beisammensein im Biergarten beenden schon zwei Wespen so schnell wie ein Hagelsturm mit gleichzeitigem Temperatursturz um 20 Grad.

Mit der Wespe hält sich in unseren Städten ein besonders störendes Stück Wildnis. Und ein gefährliches obendrein. Schließlich könnte für eine wachsende Minderheit unter uns jeder Wespenstich der letzte sein. Dabei krepiert die Wespe nicht etwa nach dem Stich, wie die Biene. Nein. Sie verströmt beim Stich ein Pheromon, das stachelige Verstärkung herbeiruft. Wen wundert es da, dass kein Tier in unseren Städten so überhöht zum Inbegriff des Bösen am Sommer geworden ist. Die Wespe ist so böse, dass ich mich wundere, warum noch niemand auf die Idee kam, sie zu gendern, um den schwarzgelben Makel vom Antlitz des weiblichen Geschlechts zu tilgen.

Liebe Leser, dieses Weblog besteht jetzt seit zehn Jahren. In der Zeit habe ich wohl Heerschaaren von Wespen erschlagen – letztlich ohne zählbaren Erfolg. Und so wird dieser Text wohl auch im zwanzigsten Jahr meines Weblogs aktuell sein. Ganz egal, wie viele der kleinen Plagegeister ich bis dahin in ein Jenseits befördert habe, das hoffentlich keine offenen Fenster zu demjenigen besitzt, in das ich einst eingehen werde.

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