HiFi-Klassiker: Das Radio Tivoli Model One

Das Tivoli One in der Farbkombination Kirsche/Kobaltblau. Foto: Tivoli Audio

Foto: Tivoli Audio

Kann ein einfaches Tischradio wie das Tivoli Model One HiFi sein? Wer erlebt hat, wieviel Spaß in der edlen kleinen Kiste steckt, stellt die Frage nicht mehr. Der entdeckt das Medium Rundfunk neu. Ein Klassiker ist das Tivoli Radio schon deshalb, weil sich in ihm einer der ganz großen Erfinder in der Geschichte der Unterhaltungselektronik ein klingendes Denkmal gesetzt hat. 

Das Tivoli Radio: Der Traum des Henry Kloss

Mit dem Tivoli Radio hat sich der HiFi-Tüftler Henry Kloss kurz vor seinem Tod einen Traum erfüllt. 1957 gründete er gemeinsam mit Malcolm Low und J. Anton Hofmann in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts die Firma KLH. Zu deren Produkten zählte schon damals ein trennscharfes Radio mit verblüffend gutem Klang, das Model 8. Der damals erst 28-jährige Kloss hatte zuvor schon mit bahnbrechenden Erfindungen von sich reden gemacht. Er war 1952 Mitbegründer von Acoustic Research. Auf das Konto dieser heute weitgehend vergessenen Firma geht der Plattenspieler mit federnd aufgehängtem Subchassis aus gefalztem Blech zurück. Der Thorens TD-150 und sein Ableger, der Linn LP-12 Sonndek, gehen direkt auf die AR-Plattenspieler zurück, die heute gesuchte Raritäten sind. Kloss selbst erfand für AR den Tieftöner mit Sicke. Der federnde Ring aus Gummi verschafft seither auch kleineren Tieftönern den notwendigen Hub für echten Bass.

HiFi-Klassiker fürs Küchenstudio

Unter der Masse der Erfindungen von Henry Kloss ist das Model 8, das Tischradio von KLH, fast untergegangen. Kloss selbst hat es aber wohl nie vergessen. Im Ruhestand wandte er sich dem Projekt erneut zu.  Gemeinsam mit Tom DeVesto, dem heutigen Chef von Tivoli Audio ging er ans Werk. 1999 präsentierte Kloss ein Radio, das mit seinem Klang jeden verblüffte, der es hörte. Dabei sieht es noch unverschämt gut aus. Als das Gerät im Jahr 2000 auch Deutschland erreichte, erzeugte es nebenbei einen Hype: das Retroradio. Tivoli Audio spendierte den Radios edle Holzoberflächen und wertige Metallfronten. Schnell zählte das Tivoli One zu den wichtigsten Deko-Artikeln von Einrichtungs- und Möbelhäusern der gehobenen Preisklasse. Und dort steht es bis heute – unverändert und so schön wie am ersten Tag.

Ausgeklügelte Technik unterm schicken Holzkleid

Dem Vermächtnis des 2002 verstorbenen Henry Kloss gelang der Marktdurchbruch in Studios für Designermöbel und Küchen. Das Tivoli Radio ist so schön, dass man leicht vergisst, welche inneren Werte sich unter dem Holzfurmier finden. Kloss wählte für das Tivoli One einen Breitbandlautsprecher mit langem Hub. Das nur drei Zoll kleine Lautsprecherchen erzeugt einen überraschenden Tiefton. “Der langhubige Treiber mit Hochleistungsmagnet ist mit einer Frequenz-Contour-Schaltung gekoppelt, die automatisch die Klangausgabe in Halboktavschritten regelt.” So beschreibt der Hersteller das Klangwunder, das außerdem über einen Bassreflexkanal in Richtung Tischplatte verfügt. Wie beim KLH Model 8 hat Kloss auch beim Tivoli auf extreme Trennschärfe geachtet. Das Tivoli holt auch schwächere Stationen noch sauber ins Wohnzimmer. Die Geräte für den deutschen Markt werden übrigens mit einem speziellen Empfangsteil ausgeliefert, optimiert auf die größere Enge im deutschen Äther.

Gediegener als auf dem Tivoli kann man Radio nicht genießen

Der klangliche Zauber des kleinen Designerziegels lässt sich nicht beschreiben. Das Tivoli One ist eine Zeitmaschine. Es klingt wie die alten Röhrenradios, passt aber in jeden Handkoffer. Was immer aus diesem Radio kommt, klingt warm, rund, angenehm. Smoothjazz oder Kammermusik bekommen einen Schmelz, den nur sehr, sehr wenige HiFi-Anlagen vermitteln – unabhängig vom Preis. Der Radiosprecher brummelt amtlich. Mit dem Tivoli hat Henry Kloss nicht nur sich selbst ein Denkmal gesetzt. Er hat auch einem allmählich dahin scheidenden Medium zu Glanz verholfen. Für Radios wie das Tivoli wird anspruchsvolles Radioprogramm gemacht. Das Tivoli setzt dem Thema Radio einen Schlusspunkt. Gediegener kann man nicht Radio genießen – vielleicht nie mehr.

Das Tivoli Radio und seine Enkel

Bei Tivoli Audio geht die Entwicklung weiter – jetzt unter alleiniger Leitung von Tom DeVesto. Das Tivoli bekam schon kurz nach seinem Marktstart eine Outdoor-Variante in schrillen Farben. Es hat Enkelkinder bekommen, die Radio nur noch per Internet empfangen – wie im richtigen Leben. Ob diese Enkel selbst das Zeug zum Klassiker besitzen, hängt von vielen Unwägbarkeiten ab: Hat das Radio an sich noch eine Zukunft? Oder werden das Smartphone und die Music Flat dem Medium und seinen Empfangsgeräten ein schnelles Ende bereiten? Lassen wir das! Lassen Sie uns stattdessen daran denken, dass das Deutschlandradio Kultur dieser Tage seinen 20. Geburtstag feiert. Genießen wir einen tollen Radiosender auf einem Gerät, das einem solchen Programm gerecht wird: auf dem Tivoli Radio.

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Seit ca 10 Jahren besitze ich das Tivoli Model1.
    Gekauft hatte ich es mir damals weil ich ein gutes und funktionierendes Radio für die Küche suchte, vor allem mit einem relativ gutem Klang, was damals in Verbindung mit Mini-Größe keine Selbstverständlichkeit war.
    Schon damals war der Preis eigentlich die äußerste Schmerzgrenze gewesen. Dafür bietet es eine gute Anfassqualität. Man kann das Radio leider nicht zu hundert Prozent vom Netz nehmen, wenn man es nur einfach ausschaltet, fließt trotzdem Strom durchs Gerät.
    Klingen tut die Kiste nicht schlecht, jedoch in meinen Ohren längst nicht so toll wie allenthalben behauptet wird. Es besitzt einen relativ in Abhängigkeit der Größe gesehen, nie nervenden Klang. Man darf weder Tieftonattacken, noch irgendwelche ziselierenden Höhen erwarten. Für mich kommt der Klang aus den Mitten. Wenn man sich die Größe des Lautsprechers vor Augen hält, ist dies auch völlig okay so.
    Ein Designobjekt war für mich das Tivoli nie gewesen. Es funktioniert seit zehn Jahren wie am ersten Tag. Der Preis ist nicht mehr der selbe, auch stilistisch hat sich so einiges verändert, ob sich die Anschaffung mit CD-Player oder einem Sub lohnt, muss jeder selbst beurteilen.
    Heute sieht man die Marke relativ oft, bei Leuten mit modernen Wohnlandschaften oder in Geschäftsräumen. Die erweiterten Ableger waren mir längst zu umfangreich, nicht mehr so einzigartig wie das Tivoli Modell 1.

  2. Danke für deine Erfahrungen. Die Schokoladenseite des Tivoli ist die Sprachwiedergabe, da hast du Recht.

  3. Ich besitze seit drei Jahren ein Model One und war bislang recht zufrieden mit Empfang und vor allem dem Klang. Da gebe ich Ihnen Recht, er ist echt außergewöhnlich gut. Probleme habe ich seit geeraumer Zeit mit dem Empfang. Es ist mir leider nicht mehr möglich meinen Alltags-Lieblingssender trennscharf zu empfangen. Ich habe die amtliche Frequenz für unser Sendegebiet und empfange auch mit einem Radio mit digitaler Frequenzanzeige das gleiche Programm völlig problemlos. Trotz geduldigster Suchwe gelingt es nicht mehr mit dem Tivoli diesen Sender trennscharf und sauber zu empfangen. Vielleicht weiß ja jemand einen Rat. Danke!

  4. Vielen Dank für Ihren Beitrag, Herr Thetard. Sind in Ihrem Sendegebiet kürzlich neue Sender lizensiert worden? In manchen Gebieten wird es ständig enger im Äther.

  5. Als ich das Radio um 2000 gesehen habe, dachte ich mir: Wieder so ein billiger chinesischer Müll der auf der Retrowelle schwimmt, mit viel zu kleinem Lautsprecher und schlechter Sendereinstellung und vermutlich billig schlechter Elektronik. Daher habe ich es mir nicht gekauft, und heute muss ich lesen, daß es angeblich gut gewesen ist ? So kann das falsche Design auch Käufer abschrecken.

  6. Die Empfangseigenschaften waren recht gut. Natürlich hätte man auch damals für den Preis irgendeine Kompaktanlage bekommen. Aber das Tivoli hatte Charakter, das ist heute selten. In allen Preisklassen.

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