Phaenomene des Alltags: Der Stammtisch

Die Sozialdemokraten fürchten den Stammtisch. Warum? Gab es nicht auch den einen oder anderen Arbeiter, der nach der Schicht in den Gasthof ging? Nähern wir uns dem Phänomen über die Wikipedia: “Vor allem in ländlichen Regionen und kleinen Gemeinden war die Zugehörigkeit zum Stammtisch an einen höheren Sozialstatus gebunden. So setzte sich ein Dorfstammtisch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem aus örtlichen Honoratioren wie dem Bürgermeister, Arzt, Apotheker, Lehrer, Förster oder wohlhabenden Bauern zusammen.”

Da haben wir es: Das ist das klassische Unionsklientel, das nie U-Bahn fährt und deshalb gern glaubt, dass in den finsteren Schächten nur Mord und Totschlag herrschen. Deutschland werde in der Münchener U-Bahn verteidigt, wettert Bayerns Ministpräsident Günther Beckstein (CSU). Das letzte Mal als es hieß, Deutschland werde in einem fremden Land verteidigt, erging ein Marschbefehl an die Bundeswehr. Soll das jetzt auch passieren? Werden bald grimmige, behelmte Gestalten im olivfarbenen Drillichzeug in München die Fahrscheine kontrollieren? Man hätte sich solch markige Worte nach Mügeln gewünscht.

Heute lösen sich die Stammtische auf. Wenn aber der letzte die Zeche gezahlt, sich erhoben und den Weg ins Pflegeheim angetreten hat, dann ist doch alles in Ordnung, oder? Eben nicht. Der Stammtisch hat sich ins Diffuse zurückgezogen. Der Stammtisch ist heute nur noch ein gedachtes Tafelmöbel zwischen Bildzeitung, Brisant und Richterin Barbara Salesch. Seine Teilnehmer finden sich unter den Ärzten wie beim Prekariat. Dennoch funktionieren die alten Reflexe. Der Stammtisch gehört der Union, all jene Parteien, denen die Zivilisation ein bisschen mehr bedeutet, schrecken zurück.

Vielleicht ist es das, was die Stammtischpolitiker so furchterregend wirken lässt: dass sie allemal lieber Deutschland verteidigen als die Zivilisation. Lesen wir noch einmal in der Wikipedia: “Die Einladung an einen Ortsfremden, am Stammtisch Platz zu nehmen, galt als nicht selbstverständlicher Wertschätzungsbeweis.” Einen solchen Wertschätzungsbeweis an unsere Mitbürger ohne deutschen Pass ist die Union bisher schuldig geblieben. Auch an jene, die nie gewalttätig geworden sind. Aber der Stammtisch ist eben kein Ort für feine Differenzierungen.

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