Ganz Deutschland für einen Euro

Hartz IV-Empfänger sollen bei Daimler die E-Klasse bauen. Grund: Seit vergangenem Herbst hat Daimler-Chrysler 7800 Stellen abgebaut. Jetzt beginnt die Urlaubszeit, und da wird es dünne an den Bändern. Was sich wie ein Witz anhört, steht bei Spiegel-Online, und daher muss man es wohl glauben.

Die Nachricht passt zur vernichtenden Bilanz der rotgrünen Arbeitsmarktreformen: Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse, die Ein-Euro-Jobs schießen ins Kraut und der Verwaltungsaufwand gleich mit. Drehen wir den Gedanken weiter:

Wir stehen morgens auf, frühstücken Muckefuck (Bohnenkaffee ist unerschwinglich geworden). Wir stempeln im Bus die Fahrkarte ab, die wir jeden Monat von der Arbeitsagentur geschenkt bekommen, und fahren an unseren Ein-Euro-Job. Selbstverständlich ist der Busfahrer Ein-Euro-Jobber. Fast alle sind Ein-Euro-Jobber. Den Staatsdienst haben die meisten sich gleichwohl anders vorgestellt.

Wir fahren mit etwas Wehmut im Herzen, weil wir heute unseren letzten Tag in diesem Ein-Euro-Job haben. Danach müssen wir wieder auf unseren unbequemen Plastikstuhl auf dem ungastlichen Flur der Arbeitsagentur. Dort sitzen wir dann und hoffen, dass uns der nette Arbeitsvermittler (Sie ahnen schon: Ein-Euro-Jobber wie wir) den nächsten befristeten Ein-Euro-Job vermittelt.

Na, jedenfalls sitzen wir am Fenster, sehen die Stadt an uns vorüber ziehen. Im Radio laufen die Nachrichten: Die Kanzlerin mahnt, dass die Inlandsnachfrage zu schwach ist, und wir müssen uns ein bitteres Lachen verkneifen. Das verkneifen wir uns schon deshalb, weil wir schon im zarten Alter von 37 Jahren keine Zähne mehr in der Kauleiste haben. Wer hat schon Geld für die Dritten? Immerhin hat die Politik Zahnersatzimporte aus China gestattet, damit sich wenigstens Zahnersatz leisten kann, was von der Mittelschicht noch übrig ist.

Im Büro angekommen, werden wir rührseelig verabschiedet. Der Geschäftsführer (Jahreseinkommen: 238 Mio. Euro, privat versichert, neben dem Prokuristen der einzige Festangestellte in der ganzen Firma) lobt unsere Arbeitsmoral und schenkt uns eine Flasche Faber-Sekt. Wir sind gerührt, weil in unseren Einkommensschichten Leimschnüffeln sonst das einzige erschwingliche Suchtmittel ist.

Nach dem 12-stündigen Arbeitstag fahren wir wieder nach Hause und freuen uns, dass das Leiden bald ein Ende hat, weil die durchschnittliche Lebenserwartung in der Unterschicht (ca. 73,4 Prozent der Bevölkerung) mittlerweile auf 43 gesunken ist. Der Verstand geht noch etwas früher, wegen der Leimschnüffelei.

Und dann wird es doch noch ein schöner Tag: Im Radio hören wir, dass wir jetzt Einkaufsgutscheine erhalten – geschenkt! Wahnsinn! Die Regierung will den privaten Konsum dadurch stützen. Wer soll das eigentlich bezahlen? Egal! Die Drei-Prozent-Defizit-Grenze der EU haben wir schon im vergangenen Jahr ums Zehnfache überschritten. Aber wegen der Gutscheine wird der Staat am Ende noch Unternehmen besteuern müssen und den Geländewagen-Freibetrag für Spitzenverdiener streichen. Wir wiegen unser Haupt und fragen uns angstvoll, ob das nicht dem Standort Deutschland schadet.

Der steckt ernsthaft in der Krise. Zwar kehren massenweise Unternehmen aus China zurück, weil wir mittlerweile das einzige Land auf dem Planeten sind, in dem der Steuersatz zu niedrigen Einkommen hin ansteigt. Aber alle Wirtschaftsverbände kritisieren drei Dinge bei uns:

1. Die katastrophale Inlandsnachfrage.

2. Das schlechte Ausbildungsniveau. Die Schulen sind schlecht, weil dort unterrichtet, was auch immer gerade für einen Euro die Stunde parat steht. Die Studiengebühren liegen hoch im vierstelligen Bereich, und mittlerweile muss man selbst für einen Ausbildungsplatz in einer Bäckerei Geld mitbringen. Außerdem meint die Industrie, Ausbildung sei Aufgabe des Staates.

3. Den schlechten allgemeinen Gesundheitszustand. Die Krankenkassen sind schon vor Jahren in Konkurs gegangen. Außerdem schnüffeln wir ja alle Lösungsmittel. Deshalb hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium eine Kampagne gegen das Leimschnüffeln gestartet. Motto: „Lass dich nicht leimen – lern‘ saufen und rauchen“. Prost!

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