Phaenomene des Alltags: die Fachkräfte

Die Fachkräfte sind so gut, das gibt es nicht. Nein. Sie sind so gut, dass es sie nicht gibt. Sie sind so gut, dass man sie sich schnitzen möchte. Und das muss man wohl auch. Denn sie fehlen allerorten, die Fachkräfte. Gut, dass man sie nicht genauer beim Namen nennen muss. Wenn man sagen würde: Ingenieur! Dann würden alle arbeitslosen Ingenieure verdutzt aufhorchen.

Aber so sind begehrte Fachkräfte eben immer die anderen. So manche Fachkraft schaut da immer wieder neidisch über den Gartenzaun. Selbst in der Krise seien gute Fachkräfte gefragt, liest man da allerorten. Wie beruhigend! Es gibt also noch Hoffnung, nur eben gerade nicht in meiner Branche.

Schade eigentlich, denn das Berufsleben einer Fachkraft muss paradiesisch sein. Also, nicht in meiner Branche, aber bei den anderen. Lesen wir, welche Ratschläge die Presse, Jobportale und Verbandszeitschriften  den Unternehmen geben:

Lieber Unternehmer: Fachkräfte muss man motivieren. Nein! Bloß nicht mit der Kündigung drohen! Die Fachkraft ist ein scheues Reh! Hast du nicht gesehen, ist sie weg! Für Unternehmen kann es gar nichts wichtigeres geben als Fachkräfte zu halten. Unternehmen sollen ihre Strategien offen legen, damit Fachkräfte ein Ziel haben. Nein! Wieder falsch verstanden! „Wenn die Krise noch lange anhält, dann gehen wir den Bach runter, und ihr sitzt alle im Jobcenter“, das ist keine Strategie, lieber Unternehmer! Wenn Sie keine Strategie haben, dann entwickeln Sie schnell eine – Sie wollen doch ihre Fachkräfte halten, oder? Damit ist es aber noch längst nicht getan.

Fachkräfte brauchen eine motivierende, stimulierende, gesunde Arbeitsumgebung. Streichen Sie die Bürowände in beruhigendem, trendigem Terracotta. Schauen Sie sich Stühle und Schreibtische an. Ist da nicht der eine oder andere durchgesessen, vergilbt, zu hoch, zu niedrig? Weg damit und neues Mobiliar her. Nehmen Sie nicht den ersten besten Ramsch. Der Ikea-Drehstuhl Järvi schlägt ihre kostbaren Fachkräfte direkt in die Flucht. Ziehen Sie einen Feng-Shui-Berater zu Rate, damit Lebens- und Arbeitsenergie nach Herzenslust strömen können.

Fachkräfte arbeiten motivierter, wenn sie sich ihre Arbeitszeit flexibel gestalten können. Machen Sie kein Drama draus, wenn einer später kommt, vielleicht geht er ja dafür früher. Und überhaupt: Wer weiß, was dieser überaus wertvolle, bis unter die Haarwurzeln motivierte Mitarbeiter in seiner Freizeit noch alles wuppt? Mit dem Notebook, das Sie ihm zur Verfügung stellen und mit dem Blackberry, den Sie ihm kaufen. Kontrollieren Sie Ihren Mitarbeiter nur ja nicht! Fachkräften muss man Vertrauen schenken, sonst sind sie – schwupps – weg. Loben Sie Ihre Fachkräfte stattdessen regelmäßig, am besten mehrmals pro Tag.

Wenn Ihr Mitarbeiter jetzt aber so über jedes Maß hinaus motiviert, engagiert, konzentriert und was weiß ich wie noch arbeitet, dann sollten Sie ihn bremsen. Fachkräfte sind so rar und so teuer, aber leider auch so zerbrechlich wie Meißener Porzellan. Am kleinsten Tadel könnten sie zerbrechen. Ihre Moral wäre dahin, die Arbeitsgerichtsklage wegen Mobbing gewiss und sie müssten ihre kostbare Fachkraft erst einmal für neun Wochen in einen sünhaft teuren Wellness-Tempel schicken – um die psychosomatischen Beschwerden durch posttraumatische Belastungsstörungen zu überwinden. Anschließend geht Ihre Fachkraft dann für die nächsten viereinhallb Jahre jeden Donnerstag schon mittags – zur Gestalttherapie gegen Depressionen.

Fachkräfte müssen geschont werden. Damit nicht ein Schnupfen kostbare Arbeitszeit vernichtet, sollten Sie Schutzimpfungen anbieten, am besten gleich auch gegen Schweinegrippe. Die leichtesten Anzeichen einer Pandemie und Ihre Fachkräfte sind über alle Berge. Tun Sie was für die Fitness Ihrer Fachkräfte. Ein Bandscheibenvorfall kostet Sie glatt ein halbes Jahr Arbeitszeit. Das kann Ihr Unternehmen ruinieren. Richten Sie einen Fitnessraum ein. Nehmen Sie dafür die Produktionshalle, die Sie wegen der Auftragsflaute jetzt sowieso nicht mehr brauchen.

Lieber Unternehmer, wenn Sie jetzt den Angstschweiß im Nacken überlegen, wie Sie mit solchen Fachkräften noch Kloschüsseln, Werkzeugmaschinen, Thrombosesrümpfe oder was auch immer produzieren sollen, dann dürfen Sie aufatmen. Die meisten Fachkräfte begnügen sich mit einem bequemen Stuhl, festem Urlaubsanspruch, einem freundlichen „Guten Morgen“, wenn Sie Ihnen über den Weg laufen, und mit einem halbwegs anständigen Gehalt. Fachkräfte sind viel robuster als die Arbeitspsychologen sie darstellen. Aber an denen verdienen sie leider nicht, all die Büroausstatter, Malerbetriebe, Wellnessanbieter und die Heere von Consulting Consultant, die an Ihre Tür klopfen.

Liebe Fachkräfte, wenn Ihr jetzt mit hunggrigem Blick die Jobportale nach einem solchen Betrieb filzt. Vergesst es. Das Paradies ist – vielleicht – dort, wo man nicht den Euro umdrehen muss, bei Energieunternehmen vielleicht, oder in der pharmazeutischen Industrie, bei den Krankenkassen oder bei den Banken. Aber sprecht mal mit Leuten, die dort arbeiten: Von wegen selbstbewusste Fachkräfte. Die schleichen devot durch die Flure, weil sie wissen: Den Fachkräftemangel gibt es nicht wirklich, und schon gar nicht in der Krise.

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