Buchtipp: Der Mann, der niemals lebte

david_ignatius.pngEin Buch kann nichts für seinen Titel, schon gar nicht die deutsche Übersetzung. „Der Mann, der niemals lebte“ teilt dieses Schicksal. Ein grausamer deutscher Verlagsmensch verunstaltete den englischen Originaltitel „Body Of Lies“ zu etwas, das besser zu einem Groschenroman gepasst hätte. Dabei setzt David Ignatius in seinem Thriller die Ansprüche deutlich höher, sogar höher als die meisten Spionagethriller. Detailliert protokolliert er eine CIA-Aktion gegen ein Terrornetzwerk à la Al-Qaida.

Im Zentrum steht ein Toter, der den Terroristenanführer Süleyman davon überzeugen soll, dass der US-Geheimdienst sein Netzwerk unterwandert hat – was diesem natürlich real einfach nicht gelingen will. Ignatius erzählt, wie sich die geheimen Landesverteidiger die Leiche eines namenlosen Touristen aneignen, und die penible Vorbereitung der Aktion. Im Zentrum steht der CIA-Statthalter in Jordanien, Roger Ferris. Ferris spricht hervorragend Arabisch und sieht wie ein Araber aus. Aber im Innern ist er überzeugt, dass die Vereinigten Staaten sich mit eiserner Faust und allen Mitteln gegen muslimische Terroristen verteidigen müssen.

Erste Zweifel kommen dem Geheimagenten erst als er sich in die Entwicklungshelferin Alice verliebt, die in palästinensischen Flüchtlingslagern arbeitet. Sie tut das aus ganz ähnlichen Motiven aber mit anderen Mitteln: Sie will zeigen, dass nicht alle Amerikaner schlecht sind. Im gleichen Maß, in dem sie dem Gedenkengebäude von Ferris Schaden zufügt, bringt sie sich jedoch selbst in Gefahr. Davis Ignatius erzählt seine Geschichte wie man das von amerikanischer Thrillerliteratur gewohnt ist: geradlinig und schnörkellos. Sein Buch ist Lehrstück für jene, die noch an das Gute im Geheimdienst glauben, und Argumentationshilfe für jene, die der CIA schon immer alles zugetraut haben. Und es beschreibt die Motive der Geheimagenten. Soviel Wissen über das Wesen der Dunkelmänner vermittelt sonst nur John le Carré.

Doch im Unterschied zu diesem gelingt es David Ignatius nicht, sein Wissen in die Handlung einzubetten. Immer wieder gewinnt man den Eindruck, er hätte am Ende eines jeden Kapitels am liebsten geschrieben: „Da staunst du, was?“ Wo le Carré seine Details gezielt in der Handlung platziert, stolpert Ignatius zumindest auf den ersten 300 Seiten oft über die Hintergrundinformationen dahin. Erst dann gewinnt der Roman allmählich an Fahrt. Auch in der Zeichnung seiner Charaktere hält Ignatius dem Vergleich mit dem Altmeister nicht stand. Das hat er allerdings mit dem Gros der amerikanischen Thrillerautoren gemeinsam. Wie er seine Figuren in Rückblenden mit einer Geschichte ausstattet, das hat etwas von „Wochenendseminar: Thriller schreiben“. Hier der Hurrapatriot, dort die naive Idealistin, die auf der Fahrt zu den Islamisten „Big Yellow Taxi“ von der Hippie-Ikone Joni Mitchell singt.

Dennoch verdient sich David Ignatius einen Tipp. Sein „Mann, der niemals lebte“ setzt sich mit einem topaktuellen Thema auseinander. Es zeigt, wie weit die politischen Diskussionen um das Für und Wider von Foltermethoden hinter der Realtität zurück liegt. Es zeigt auch, wie rasend schnell die geheimdienstgeleitete amerikanische Außenpolitik in die Sackgasse saust. David Ignatius selbst zieht den Vergleich zum Niedergang des römischen Weltreichs. Das, so formuliert es die Entwicklungshelferin Alice, hat nur sechzig Jahre – von Hadrian bis Commodus – gebraucht, um von der Lichtgestalt zur Tyrannis zu verkommen. Das amerikanische Weltreich hat das in kürzerer Zeit geschafft.

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