Phaenomene des Alltags: der/die/das Fremde

Unser Umgang mit Fremden, überhaupt mit allem, das uns fremd ist, bleibt ein Dauerthema. In Berlin und Brandenburg wie in Deutschland. Schon, weil immer wieder Politiker hoffen, mit Angst vor Zuwanderung Wählerstimmen zu gewinnen. Nehmen wir nur den ehemaligen Innenminister Friedrich, der Heerscharen von bettelarmen Zuwanderern vom Balkan heran branden sah.

Tausende von Kilometern wandern sie, um sich hier mit den Job-Centern herumzuschlagen. Was selbst für Deutschmuttersprachler kein Vergnügen ist. Doch die Angst vor dem oder den Fremden ist selbst unter Sozialdemokraten groß. Nur zu gut erinnern wir uns an Wolfgang Thierses Schmähe auf schwäbische Wohlstandsmigranten, die den Prenzlauer Berg mit Wecken überziehen, wo die Semmeln vorher Schrippen hießen.

Schnell fand er Zustimmung: Der Schwabe treibt die Mieten hoch und verdrängt mit seiner Maultasche die Currywurst. Eigentlich erschreckend, dass die Unfähigkeit, Veränderung hinzunehmen, kein Privileg der an Bildung und Einkommen Schwachen ist.

Die alteingesessenen Berliner sind aber auch besonders gefordert. Berlin ist so international wie keine andere deutsche Stadt. In S-, U-, und Straßenbahnen hört man ein babylonisches Sprachgewirr aus Englisch, Französisch, Russisch, Italienisch und aus vielem, das sich nur schwer bestimmen lässt: Während sich Schwizerdütsch noch anhand der Sprachmelodie vom Arabischen unterscheiden lässt, sollte ein Berliner gar nicht erst versuchen, das Bayerische vom Steirischen zu unterscheiden – geschweigen denn, zu verstehen. Wie geht doch der alte Spruch? Wir alle sind Ausländer. Fast überall. Man möchte hinzufügen: Und in Berlin sowieso.

Zuerst veröffentlicht in: Die Kirche

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