OLPC: Wenn man die Professoren machen lässt

OLPC. Foto: olpc

Als Tiger gestartet, befindet sich der OLPC allmählich im Sinkflug als Bettvorleger. Mit dem OLPC-Projekt (One Laptop Per Child – Einen Laptop für jedes Kind) wollte der Wissenschaftler Nicholas Negroponte 2005 ein Instrument schaffen, das die Kinder in den Hütten Afrikas an die Informationsgesellschaft anbindet. 100 Dollar sollte das Teil kosten. Ein günstiger AMD-Prozessor sollte darin werkeln und eine Spezialversion von Fedora-Linux als Betriebssystem instaliert sein. Erreicht hat Negroponte, dass der Markt die Völker in den Entwicklungsländern plötzlich als Kunden erkannt hat. Der OLPC wird mehr und mehr zum Opfer dieses Marktes.

Plötzlich kündigte Intel das Konkurrenzmodell Classmate-PC an, und Microsoft plante eine Version von XP für den XO. Die Redmonder graust es bei dem Gedanken, dassMillionen Kindern Linux vertrauter werden könnte als Windows. Plötzlich schien es gar kein Problem mehr zu sein, einen Laptop für kleines Geld herzustellen. Asus hat bereits 350.000 Exemplare vom Eee-PC verkauft. Es müssen ja nicht immer die leistungsstärksten Bauelemente sein.

Währenddessen verzögerte sich der OLPC. In Negropontes heiler Bildungswelt sollte es keine Rangeleien um den schnöden Mammon geben. Erst suchte er den Schulterschluss mit Intel, um den Classmate zu verhindern: Der OLPC oder XO-Laptop sollte Intel-tauglich werden. Dann verhandelte er mit Microsoft. All dies kostete Zeit. Und Geld: Die angestrebten 100 Dollar pro Gerät konnte der Hersteller nicht mehr halten. Jetzt ist der Classmate PC fertig, und Intel hat dem OLPC wieder den Rücken gekehrt. Die Strategie, den XO nur so lange zu blockieren, bis das eigene Produkt fertig ist, hätte Ngroponte von vornherein ahnen können. Jetzt hat er praktisch nichts. Es blieb aber auch die ganz große Nachfrage nach den Geräten aus. Bis jetzt ist Peru mit 270.000 bestellten Geräten der größte Interessent.

Man hätte den OLPC möglichst schnell auch bei Ebay anbieten sollen. Die Nachfrage wäre da gewesen. Die Umsätze in den Industrieländern hätten die Produktion schnell derart angekurbelt, dass Negroponte seinen Preis von 100 Dollar doch noch erreicht hätte. Stattdessen bietet er den XO für 399 Dollar in den USA an. Prinzip: Kauf zwei, nimm einen. Reiche Amerikaner sollten den XO kaufen und einen zweiten für das Entwicklungshilfeprojekt spenden. Ehrenwerte Idee. Aber was ist, wenn die Amerikaner den Eee-PC für 299 Dollar kaufen und 20 Dollar in die Sammelbüchsen der Hilfswerke schmeißen? PC gekauft, Gewissen beruhigt und außerdem noch einmal schick essen gegangen. Alles für den Preis eines XO-Laptops.

Erst jetzt – viel zu spät – kommt das Projekt auf die Idee, Lizenzen für die im XO verwendeten neuen Technologien zu vergeben, um Geld in die Kasse zu bekommen. Doch man braucht noch einen Wirtschaftswissenschaftler, der die Sache berechnet. Das kommt davon, wenn man das die Professoren machen lässt – so könnte man spotten. Aber stimmt das? In Wirklichkeit hat Negroponte die Computerindustrie revolutioniert. Sein XO hat gezeigt, dass das Schneller-Höher-Weiter im Computergeschäft kein Naturgesetz ist. Und die Reaktionen auf den XO haben gezeigt, dass auch in den reichen Ländern immer mehr Menschen ohne die schnellsten Prozessoren und ohne die größte Festplatte auskommen. Mit dem XO des OLPC-Projektes ist Vernunft in das Computergeschäft eingekehrt. Auf der ganzen Welt.

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