HiFi-Klassiker: Camtech V100, V101, V102

Die Camtech-Vollverstärker V100, V101 und V102 zählen zu den selten besungenen Helden der goldenen HiFi-Ära. Pragmatiker liebten die allürenlose Musikmaschine. Doch viele HiFi-Puristen wandten sich mit Grausen ab: Der Camtech besaß keine Schwächen, keine Ausstattungsdefizite, mit denen der heldenhafte Audiophile leben musste. Er machte das audiophile Leben in jeder Hinsicht angenehm und wurde so zur Legende.

In den goldenen Tagen der Audiophilen sprach man noch über Vollverstärker. Man flüsterte in Ehrfurcht von den Fähigkeiten eines Naim Nait. Der machte mit 5 Watt am richtigen Lautsprecher richtig Spaß. Man lobte das spartanische, zeitlose Äußere eines Mission Cyrus, dessen Finish an eine Art Rostschutzanstrich erinnerte. Man bejubelte frenetisch das Preis-Leistungsverhältnis eines NAD 3020. Von einem schwärmte man seltener, obwohl er bis heute in zahlreichen HiFi-Anlagen seinen Dienst verrichtet. Dem Camtech V100 beziehungsweise seinen Nachfolgern V101 und V102 fehlte das Flair der puristischen Kultgeräte. Seine Leistungsdaten waren über jeden Zweifel erhaben. Um die 45 Watt an 8 Ohm reichen nicht, um die Erde beben zu lassen. Aber es sind eben auch nicht 5 Watt. Zum Camtech musste man den passenden Lautsprecher nicht sorgfältig auswählen.

Der Camtech machte an jedem gut klingenden Lautsprecher eine gute Figur

Der Camtech machte an einfach jedem gut klingenden Lautsprecher eine gute Figur – wenn die Quelle dies hergab. Auch äußerlich fehlte dem englischen Verstärker der audiophile Stallgeruch. Er war übersät mit Schaltern und Reglern. Wie jeder Japaner. Klangregler verzieh man nur Einsteigerprodukten wie dem NAD 3020 oder dem Creek 4040. Doch der Camtech lag mit 2000 D-Mark bereits im anspruchsvollen Preisbereich. Und schließlich gab es nicht einmal über den Klangcharakter des Camtech etwas zu sagen. Er interpretierte Musik nicht, er gab sie einfach weiter – so neutral wie kein anderer Verstärker seiner Preisklasse. In den Ohren vieler Audiophiler langweilig.

Geboren als Audiolab 8000 – nach Deutschland kam er als Camtech

Geboren wurde unser HiFi-Klassiker als Audiolab 8000 in Cambridge, damals quasi das Silicon Valley der britischen HiFi-Industrie. Weil der Markenname in Deutschland bereits registriert war, musste der Importeur Helmut Püllmanns die Verstärker unter anderem Namen in die Läden bringen. Der Name Camtech sollte auf die Heimat der Produkte hinweisen. In Deutschland kam der Camtech besser an als in seiner Heimat. Was die Engländer dem Verstärker als Charakterlosigkeit und Langeweile auslegten, das liebten deutsche HiFi-Fans als Ehrlichkeit. Dem Camtech fehlte das Drängende im Sound der Naims, der Missions, der Linns und der Exposures. Ihm fehlte die warme Klangfarbe der Sugdens, der Creeks und der Musical Fidelitys.

In Deutschland als Camtech kam der Audiolab besser an

Schnell erwarb sich der V100 stellvertretend für alle Camtech-Produkte den Ruf der allürenlosen Musikmaschine. Noch dazu trumpfte er mit solider Verarbeitung auf. Viele deutsche HiFi-isten taten englische Verstärker als Garagenbasteleien ab. Der Camtech gab sich keine Blöße: Top-Verarbeitung, Top-Phonoeingänge für MM und MC, genug Leistung für gelegentliche Gewaltmärsche durch die Metallica-Sammlung.

Der Camtech wuchs mit der Klangquelle

Der Camtech wuchs mit der Qualität der Klangquelle und des Lautsprechers, den man ihm gönnte – weit über seine Preisklasse hinaus. Aufnahmeräume zeichnete der Camtech stabil und – gute Quelle vorausgesetzt – fast holographisch. Sein Bass war genau aber nie zu trocken. Er zeichnete Musik nach, ohne sie anzutreiben, aber auch ohne sie zu bremsen. Wer ihn mochte, der liebte dieses Gefühl von musikalischer “Richtigkeit”. wer treibendes Timing, schimmernde Klangfarben oder gar “röhrenähnliche Musikalität” suchte, der suchte woanders. Klanglich offenbarte der Camtech nur eine einzige Schwäche: Mit einem zu hell timbrierten Lautsprecher konnten die Versionen V100 und V101 etwas kühl klingen. Der V102 war auch in diesem Punkt ein Musterknabe.

Der Camtech V102 klingt in den Höhen so sauber wie ein schwäbischer Hausflur in der Kehrwoche

Die Audiolab-Ingenieure hatten den Frequenzgang des V102 begrenzt. In den Höhen sinkt der Frequenzgang zwischen 16.000 und 18.000 in einer steilen Kurve ab. Bei 20.000 Hertz tut sich akustisch nichts mehr. Anfangs hatte auch Audiolab nach der Regel der überbreiten Frequenzgänge konstruiert. Danach muss ein Verstärker bei 180.000 Hertz noch einen linealgraden Frequenzgang aufweisen, damit er 18.000 Hertz noch phasenkorrekt darstellen kann. Genug der Technik: Der Camtech V102 klang in den Höhen subjektiv glockenklar und sauber wie ein schwäbischer Hausflur in der Kehrwoche. Wenig bekannt ist, dass Püllmanns bei den Briten durchboxte, dass die Vorstufe des Camtech V102 einen niedrigeren Verstärkungsfaktor erhielt als die Vorstufen der Vorgänger oder der Audiolab-Variante. Man musste also den Lautstärkeregler etwas weiter aufdrehen, um die gleiche Lautstärke zu erzielen.

Niedrigerer Verstärkungsfaktor für besseren Kanalgleichlauf

Ein Lautstärkepotentiometer weist gerade im unteren Regelbereich die größten Gleichlauffehler zwischen den Kanälen auf. Mit dem Camtech V102 gelangte man schneller in höhere Regelbereiche des Lautstärkepotis, in denen dieses genauer arbeitete. Außerdem klang der V102 durch die geringere Verstärkung in der Vorstufe entspannter als seine Vorgänger. Auch Creek arbeitete damals in dieser Richtung. Dabei ist das Potentiometer des V102 über jeden Zweifel erhaben. Ein gekapseltes Bauteil von Noble regelte die Lautstärke. Etwas besseres gab es in der Preisklasse nicht. Die Modelle V100 und V101 mussten noch mit ungekapselten Potentiometern auskommen. Als langzeitstabil erwiesen sich jedoch auch diese einfachen Potis. Der V102 war der letzte und ausgereifteste V10x aus dem Hause Audiolab/Camtech. Und er wuchs mit einem besseren Endverstärker noch über sich hinaus. Denn der V102 war auftrennbar. dazu musste man nur zwei Kabelbrücken entfernen. Auch hier hatte Püllmanns sich durchgesetzt. Weder der englische Audiolab noch die Vorgängermodelle ließen sich ohne weiteres mit besseren Endstufen paaren. Ein kongenialer Partner war die NAD-Endstufe 208. Ein gewaltiger Brocken, der dem Camtech eine spektakuläre Kontrolle im Bass und eine ehrfurchtgebietende Raumdarstellung verlieh.

Der V102L beschloss die Serie

Der V102L beschloss die Serie. L stand für Line. Der V102L sollte endlich auch die Skeptiker überzeugen. Er besaß weder Klangregler noch einen Phonoeingang. In der Schaltung unterschied er sich von seinen Brüdern. Der V102L klang zwar detailfreudiger als der V102, doch er klang ein ganzes Stück heller. Nur wenige Monate stand der V102 bei den Händlern. dann stellte Audiolab die Produktion ein und verlegte sich auf eine höhere Preisklasse. Kurz darauf, etwa um die Mitte der Neunzigerjahre, wurde Audiolab von TAG McLaren Audio übernommen. Der Camtech kann speziell in seiner V102-Generation auch heute noch begeistern. Durch die gute Qualitätskontrolle des deutschen Vertriebs, kam es nur selten zu Garantiefällen. So ist der Camtech heute ein gesuchtes eBay-Kleinod. Wer einen kauft, sollte eines wissen: Beim Abziehen der Cinch-Kabel muss man die Stecker sorgfältig drehen. Sonst bleibt der Außenleiter der Buchse im Stecker stecken. Vorsichtig mit einer Kombizange herausdrehen und wieder am Verstärker einsetzen.

Eine kleine Macke am – fast – perfekten Vollverstärker

Eine lästige Macke, die dem Verstärker keinen Abbruch tut. Dem stehen Ausstattungsdetails gegenüber, die kein anderer audiophiler Vollverstärker seiner Zeit bot. Der Camtech V102 besaß Eingänge für Phono-MM und -MC, die man sogar nebeneinander betreiben konnte. Einen Umschaltknopf gibt es auf der Rückseite. Für die Lautsprecher steht ein abschaltbarer Ausgang zur Verfügung. Ganz wichtig im Zeitalter der Compact Cassette: Der Camtech besaß einen Aufnahmewahlschalter. So war es möglich Platten zu hören, während man von CD aufnahm. Heute ein Anachronismus. Aber das waren eben das goldene Zeitalter der Figh Fidelity. Und als echter Sohn dieser Ära besitzt auch der Camtech V102 keine Fernbedienung.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: HiFi-Klassiker: Naim Nait | Wolff von Rechenberg

  2. Hallo,
    wie komme ich an eine Bedienungsanleitung für des CAMTECH-Gerät “Phono Verstärker” oder ggf. an eine Kopie? Zahle natürlich alle Kosten!
    Vielen Dank und freundliche Grüße,
    H. Josef Bock

  3. Hallo Herr Bock,
    der deutsche Vertrieb von Camtech, die Kölner Firma Püllmanns, war zurecht berühmt für ihren erstklassigen Service. Sie könnten also versuchen, sich an Helmut Püllmanns zu wenden: Comeniusweg 27,51143 Köln, Telefon (02203) 98 22 55. Die Angaben habe ich im Internet gefunden. Ich kann leider keine Garantie für Richtigkeit übernehmen. Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Erfahrungen hier kurz kommentieren könnten. Ich bin ganz sicher, dass noch viele Camtech-Geräte in Deutschland ihren Dienst verrichten, nicht nur bei Ihnen und mir.
    Viel Erfolg
    Wolff von Rechenberg

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