HiFi-Klassiker: Naim Nait

Naim Nait 1 Foto: Michael Methe

Naim Nait, Foto: M. Methe

Mit seinem Zigarrenkistendesign hat der Naim Nait das Bild vom britischen HiFi-Verstärker geprägt. Der Naim Nait war Symbol einer Rebellion gegen das Einheitsdiktat der HiFi-Industrie. Ein audiophiler Mückenstich gegen die Sonys, Technics, Kenwoods und Denons seiner Zeit. Ausdruck einer britischen HiFi-Szene, die hartnäckig ihre Eigenständigkeit behauptete. Selbst wenn er nur halb so genial klänge, hätte der Naim Nait seinen Platz in der Ruhmeshalle der HiFi-Klassiker verdient.

Um den Naim Nait zu verstehen, muss man die Zeit betrachten, in der sein Schöpfer, Julian Vereker, den kleinen HiFi Vollverstärker konstruierte. Anfang der 1980er Jahre befand sich die HiFi-Industrie mitten im gravierendsten Umbruch ihrer Geschichte: Eine scheinbar übermächtige japanische HiFi-Industrie rollte den Markt auf. Konzerne wie Sony oder Matsushita (Technics, Panasonic) hatten eine Globalisierungswelle losgetreten, die schon bald Traditionsfirmen wie Grundig und Blaupunkt, Marantz und Fisher verschlingen sollte.

Naim, Exposure, Linn: Das Empire schlägt zurück 

Dieser heraufziehenden Welle der globalen Gleichmacherei setzte sich vor allem Großbritannien entgegen, das Biotop der Sonderlinge und Exzentriker. Vielleicht trieb die Auseinandersetzung mit dem neuen globalen HiFi-Markt die britische HiFi-Industrie genau in jener Zeit zu solch einer farbigen Blüte. Vor allem im Bau von Lautsprechern und Verstärkern trumpften britische Hersteller auf: NAD, Linn, Mission, Creek, Celestion, Wharfedale, Sugden, Exposure.

Neben dem NAD 3020 war der Naim Nait der berühmteste Verstärker seiner Zeit 

Der stilprägendste, der umstrittenste und – neben dem NAD 3020 – wohl berühmteste britische Verstärker jener Zeit war der Naim Nait. Julian Verekers kleine Firma Naim Audio hatte bis dahin ein Schattendasein geführt. Im beschaulichen Städtchen Salisbury – berühmt einzig für seine gotische Kathedrale – schraubte Vereker mit einem kleinen Team hochwertige Endverstärker in kleiner Serie zusammen, die Nait Power Amplifier (NAP).

Minileistung, aber stromstabil bis kurz vor Kurzschluss 

Möglicherweise brachte der NAD-Verstärker 3020 Vereker auf den Gedanken, auch seine eigene Ansicht von audiophilem Musikgenuss einer größeren Käuferschicht zugänglich zu machen. Immerhin hatte NAD mit dem 3020 aus dem Stand einen Kassenschlager gelandet und definierte die Maßstäbe für gute Musikwiedergabe in der Brot-und-Butter-Klasse. 1983 erblickte der Naim Integrated Amplifier (NAIT) das Licht der Öffentlichkeit. Wie der NAD 3020 verfügte der Naim Nait über wahnwitzige Stromlieferfertigkeiten. In Watt gemessen, lag seine Leistung sogar noch unter der des NAD: Der Nait-Besitzer musste mit 15 Watt pro Kanal auskommen. Aber wie der NAD blieb er stromstabil bis kurz vor Kurzschluss.

In einer Zeit, in der man die Qualität eines HiFi Verstärkers in Watt pro DM oder Pfund maß, hätte der Naim Nait ein Ladenhüter werden müssen. Doch Vereker baute keine Verstärker für Menschen, die Quantität und Qualität verwechseln. Den Nait sollte man hören. Viele hörten ihn und waren begeistert. Der Naim Nait präsentierte Musik unaufdringlich und gleichzeitig mit einem unterschwelligen Drängen.

Naim Nait: Maßgeschneidert für die Studentenbude 

Große Lautsprecher entlarvten ihn allerdings als Leichtgewicht im Bass. Der Nait sollte unter den Bedingungen eines audiophilen britischen Haushaltes überragende Musik liefern. Und im Frontroom, dem Wohnzimmer der typischen englischen Doppelhaushälfte ist kein Platz für große Lautsprecherschränke. Das galt auch für die deutsche Studentenbude, die der Nait bald darauf eroberte.  Der Naim Nait gab an kleinen Boxen sein Bestes, er packte seine Zuhörer, fesselte sie, ließ sie nicht mehr los.

Naim und Linn: Der Goldstandard bei britischem HiFi

Bei diesem Klangbild drängt sich ein anderer Name auf: Linn. Tatsächlich bestand zwischen den beiden Herstellern eine enge Beziehung. Linn produzierte seinerzeit den legendären Plattenspieler LP12 sowie den Kompaktlautsprecher Index. Schon vor dem Auftritt des Nait spielten Verstärker von Naim in vielen HiFi Anlagen gemeinsam mit einem Plattenspieler und Boxen von Linn. Julian Vereker und Linn-Gründer Ivor Tiefenbrun verfolgten ähnliche Klangvorstellungen und teilten sich das Händlernetz.

Beide Hersteller profitierten von der Symbiose. Jetzt brauchten Linn-Fans kein Vermögen mehr in Vor- und Endverstärkerkombinationen zu investieren. LP12, Naim Nait und Linn Index: Diese Kombination entwickelte sich zu einer Art Goldstandard im britischen HiFi-Markt. Das war das Maß der Dinge für audiophile Individualisten, denen eine Anlage von NAD oder Rotel zu popelig geworden war. Selbst als Linn mit dem Intek einen eigenen Vollverstärker anbot, hielten viele Fans dem kleinen Nait die Treue. Die Linn-Lautsprecher Index und Kan konnten an Linn-Verstärkern im Hochtonbereich etwas harsch klingen.

Zum Naim Nait gehörte eine gewisse klangliche Trockenheit

Ähnlich wie Linn, provozierte und polarisierte Naim die High-Endgemeinde. Was Naim als lebendige Musikwiedergabe anpries, empfanden gerade Klassikhörer oft als gehetzt. Sie bevorzugten gelassenere Verstärker wie den Audiolab 8000, der in Deutschland als Camtech V100/V101/V102 verkauft wurde, oder die Verstärker von Creek. Zudem geriet den Naimgeräten die Raumdarstellung enger als anderen Verstärkern mit audiophilem Anspruch. Zum Klangbild des Naim Nait gehörte stets auch eine gewisse Trockenheit.

Das letzte Reservat für den DIN-Anschluss

Viel Anlass für Diskussionen boten die Anschlüsse des Nait. Naim setzte auf fünfpolige DIN-Anschlüsse, die sich international nicht durchgesetzt hatten. Die Konstrukteure begründeten das mit technischen Überlegungen. Nur der DIN-Anschluss ermöglichte eine konsequente Trennung der Masse von den Plus- und Minus-Leitern. Wer einen Naim Nait im Zusammenspiel mit Geräten anderer Hersteller betreiben wollte, brauchte Adapter von DIN auf Cinch, denn die einzigen Cinchanschlüsse am Naim Nait waren dem Phonoeingang vorbehalten.

Audiophiler Musikgenuss á la Naim verlangte Askese 

Audiophiler Musikgenuss auf britische Art setzte seinerzeit immer auch ein wenig Bereitschaft zum Verzicht in praktischen Dingen voraus. Wer sich auf Naim und ähnliche Anbieter einließ, musste die Bereitschaft zu einer Art ergonomischer Askese mitbringen. Was dem Hörer keine Einschränkungen abverlangte, konnte auch nichts taugen. So sah man das damals in jenen Kreisen.

Der Naim Nait öffnete den Markt für eine ganze Reihe zumindest äußerlich ähnlicher Verstärker. Die Verstärker von Onix oder Nytech besaßen das bescheidene Gehäusemaß des Nait. Ebenso die ebenfalls berühmten Mission Cyrus Verstärker, die wohl schärfsten Wettbewerber des Naim Nait. Der Eigensinn des 2000 verstorbenen Julian Vereker trug mit dazu bei, dass Großbritannien im qualitätsbewussten Kundensegment die Globalisierung umkehren konnte.

Made in England setzte für anspruchsvolle Musikhörer weltweit Maßstäbe. Die Namen der britischen HiFi-Schmieden jener Jahre zaubern bis heute ein verklärtes Lächeln auf die Gesichter vieler inzwischen ergrauter HiFi-Fans. Wie sehr Naim die HiFi-Welt beeinflusst hat, zeigt ein Blick nach Hamburg: Der deutsche High-End-Hersteller Phonosophie produziert, optimiert und veredelt bis heute nach den Grundsätzen, die Naim in den 1980er Jahren vorgegeben hat.

Für das Foto danke ich Michael Methe, der es auf seiner Homepage verwendet – in einem Bericht über einen anderen HiFi-Klassiker: den Elektrostaten Quad ESL-57.

 

 

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