Interview: Das Wichtigste ist immer die Emotion

Edgar KnechtFoto: Wolff von Rechenberg

Lange war es ruhig um den Komponisten Edgar Knecht. Seine erste Solo-CD „@Pianowaonderland“ erschien schon 1998. Danach war er nur als Pianist auf den Jazzbühnen zu sehen. Grund war die Geburt seiner Tochter Fenja 1995. Jetzt meldet er sich mit „Valsanova“ zurück. Diesmal ganz ohne elektronisches Beiwerk. Dafür aber wieder mit vielen Zitaten aus Jazz, Romantik, afrikanischer und lateinamerikanischer Musik. Auf „Valsanova“ bestätigt Edgar Knecht seinen Ruf als exzellenter musikalischer Geschichtenerzähler, als Romantiker, als temperamentvoller Pianist, und er hat eine neue Quelle der Inspiration entdeckt: deutsche Volks- und Kinderlieder.

Edgar Knecht geht in die Babypause und kehrt zurück mit einer CD, auf der er unter anderem Kinderlieder interpretiert. Wieviel Vaterfreude steckt in Valsanova?

Edgar Knecht: Wieviel Freude darin steckt hört man ja. Beispielsweise bei „Froh zu sein, bedarf es wenig“, das in meiner Bearbeitung ja mit tanzbaren afrikanischen Rhythmen zusammengeht. Das ist ein Freudentanz. Aber es gibt ja auch andere Phasen, wo man unruhige Nächte hat, und Phasen, in denen man nach Räumen suchen muss, zum Arbeiten und Musikmachen. Insofern spiegelt sich auch eine Ambivalenz darin. Aber das Grundgefühl ist das Glück

Die ganze Platte tanzt sozusagen im Dreivierteltakt, den man vom Walzer kennt. Hat sich das einfach aus der positiven Grundstimmung ergeben oder haben Sie das geplant?

Knecht: Ich habe auf der Platte nicht meine Vaterschaft bearbeitet. Das Singen der Kinderlieder mit meiner Tochter hat so etwas wie Dejavu-Erlebnisse in mir ausgelöst. Das hat mich auf meine eigenen Wurzeln zurückgeführt, auf die Lieder, die ich als Kind gehört habe. Und die habe ich dann bearbeitet. Da gibt es sehr fröhliche Lieder, wie eben „Froh zu sein, bedarf es wenig“ oder auch „Lauf, Jäger, lauf“. Da gibt es aber auch sehr melancholische Lieder, wie zum Beispiel „Maria durch ein Dornwald ging“. Der Walzer kommt daher, dass die meisten Lieder, die ich bearbeitet habe, im Dreivierteltakt sind. Daher kommt der Titel „Valsanova“. „Valsa“, weil viele Stücke im Dreivierteltakt sind, und „nova“, weil ich alle Lieder völlig neu interpretiere und in die Gegenwart hole. Man wird kaum an Wiener Walzer denken, wenn man die Stücke hört. Es sind eher weltmusikalische sprudelnde Walzer, oder melancholische Walzer, die in der Tradition der Romantik stehen, in der Tradition von Brahms oder Chopin.

Warum Volks- und Kinderlieder?

Knecht: Ich habe Klassik studiert, ich habe viel Jazz gemacht und ich habe Salsa gespielt. Und gerade beim Spielen von Salsa, von kubanischer Musik habe ich gemerkt, dass das auf Lebenserfahrung basiert. Das ist ein Ausdruck, den ich nur zum Teil erfassen kann. Die Lebensfreude kenne ich auch, oder die melancholischen Stimmungen, das ist das Universelle, das Musik hat, und weshalb sie überall auf der Welt verständlich ist. Aber die Wurzeln sind immer ein spezifisches Lebensgefühl, das ich nicht erlebt habe. Da habe ich mich gefragt: Was sind eigentlich meine Wurzeln? Selbst in europäischen Nachbarländern ist schöpfen die Musiker viel selbstverständlicher aus ihren Wurzeln. In Frankreich, auf dem Balkan oder in Skandinavien beispielsweise. Bei uns gibt es das im Jazz – bis auf wenige Ausnahmen – nicht. Ich habe aber gemerkt, dass die Lieder, mit denen ich aufgewachsen bin, der erste Teil meiner musikalischen Sozialisation sind. Diese erste Schicht sitzt ganz tief. Einmal habe ich als Erwachsener meine Schwester bei einem Familientreffen getroffen. Plötzlich haben wir gesungen „Es waren zwei Königskinder“ und sind fast in Tränen ausgebrochen. Diese emotionale Ebene muss man erstmal erreichen. Ich kann das nur, indem ich mich darauf beziehe, und nicht mit dem American Songbook, und nicht mit Salsa. Die Erfahrungen aus Jazz, Salsa und Klassik, die fließen allerdings mit ein.

Wird Sie das Thema auch weiterhin beschäftigen? Wie tief sitzt die Erfahrung mit „Valsanova“?

Knecht: Ich habe das Gefühl, ich bin immer noch mittendrin. Es gibt noch eine Reihe von Liedern, die ich gern bearbeiten würde. Aber ich will auch die Stücke von „Valsanova“ mit einem Quintett umsetzen. Das wird voraussichtlich noch in diesem Jahr Premiere haben.

Auf Ihrer ersten Solo-Platte „@Pianowonderland“ von 1998 haben Sie viel Computertechnik verwendet. Auf „Valsanova“ sind Sie mit Ihrem Flügel vollkommen allein. Wie kam das?

Knecht: Ursprünglich hatte ich vor, dieses elektronische Moment deutlich zu steigern. Dann habe ich gemerkt, dass mich das ablenkt von der Intensität dieser Lieder, die ja an meine Wurzeln gehen. Daraufhin habe ich kurz vor der Premiere die Elektronik abgeschaltet. Zuerst ging es mir damit etwas komisch, aber dann war es eine Befreiung.

Sie erzählen musikalische Geschichten in einer Bildhaftigkeit, die man im Jazz eher selten findet . Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an einem Stück arbeiten?

Knecht: Das Wichtigste ist immer die emotionale Ebene. Aus der entwickelt sich dann die Geschichte. Nehmen wir „Thule“: Das habe ich auf Sylt komponiert. Es war minus 15 Grad kalt und die Nordsee war zugefroren. Sylt ist der nödlichste Punkt Deutschlands und noch weiter nörlich liegt die sagenumwobene Stadt Thule. Diese Atmosphäre verband sich mit dem Lied „Es war ein König in Thule“ von Goethe. Auf diese emotionale Ebene lasse ich mich ein, und dann entsteht daraus im Laufe des Komponierens und Spielens die Geschichte.

Ihr Pianospiel wird manchmal mit dem von Keith Jarrett verglichen. Welche Rolle spielen Vorbilder für Sie?

Knecht: Keith Jarrett hat mir immer gefallen, weil er sehr schöne Phrasierungsbögen spielt. Die erinnern manchmal an Bach. Sie haben eine Erzählstruktur. Das beeindruckt mich sehr, und da gibt es natürlich Parallelen. Aber ich glaube, ich erzähle in meiner eigenen Sprache.

Was singen Sie Ihrer Tochter Fenja zum Einschlafen vor?

Knecht: Ich singe ihr sehr gern vor: „Die Blümelein, sie schlafen“ oder „Der Mond ist aufgegangen“.

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