Analog Basics: MM oder MC auf die Spitze getrieben

Ein guter und günstiger Tonabnehmer für meinen Plattenspieler? Das AT95 von Audio Technica, antwortet der HiEnd-Freak, und rümpft die Nase. Danach geht es mit MC-Systemen weiter. Das AT95 ist tatsächlich der Billigheimer unter den Abtastern. Es kostet knapp 60 Euro, spielt tonal unverfärbt und für den Preis unglaublich detailfreudig. Noch etwas muss man zu Audio Technica sagen: Die Produktkonstanz ist vorbildlich! In all den Jahren in denen ich wohl weit über hundert AT95 verkauft, eingebaut, ausgebaut, nachjustiert habe, war nicht ein einziger Ausreißer darunter.

Negativbeispiele sind Ortofon und Grado. Dort kommt auf ein sehr gutes System, ein mittelmäßiges und eines, das der verantwortungsvolle HiFi-Händler eigentlich sofort an den Großhändler zurückschicken sollte, und das selbst bei sehr, sehr teuren Modellen. Das AT95 spielt aber auch das beste OMB10 (eigentlich schon eine Preisstufe höher) von Ortofon glatt an die Wand. Doch geht es dann tatsächlich nur mit MCs weiter? Sind das die besten Abtaster? Zunächst funktioniert das Moving Magnet (MM) einfach anders als das Moving Coil (MC). Bei ersterem hängt an der Nadel ein Magnet, der gegen die Spulen im Körper bewegt wir, und dabei entsteht ein Signalstrom. Im MC bewegt sich eine Spule, die jedoch viel leichter ist als der Magnet beim MM gegen fest eingebaute Magneten. Dabei entstehen wesentlich geringere Signalströme als beim einfacheren MM.

Durch die geringere Nadelmasse kann das MC theoretisch viel genauer der Rille folgen. Wegen der geringeren Signalströme muss der MC-Käufer über eine gute (externe) Phono-Vorstufe verfügen. Denn die kleinen Ströme brauchen mehr Nachbrenner. Doch dieses Verstärken muss exakt passieren, denn schon kleine Unregelmäßigkeiten potenzieren sich und verfälschen die Wiedergabe. Prinzipiell klingen MC-Abtaster im Hochtonbereich feiner, freier und offener, können aber bei ungenauem Einbau und schlechter Peripherie (billiger, eingebauter Phonovorverstärker) schnell unangenehm kratzig klingen. Die MCs von Audio Technica sind ein Beispiel. Die klirren so frostig in den Höhen, dass sich Zahnfüllungen dabei lockern. Hinzu kommt: MCs brauchen oft ein höheres Auflagegewicht. Die Auflagekraft wird in Millinewton (mN) gemessen. 25 mN sind round about 2,5 Gramm (1 Newton ist die Gewichtskraft von 102 Gramm auf Meereshöhe). Schallplatten sind aber keine Wegwerfartikel. Von MCs, die eine Auflagekraft von 40 mN brauchen (Ortofon SPU), sollten Sie die Finger lassen.

Ein letzter prinzipbedingter Nachteil: Bei MCs ist die Nadel fest mit dem Systemkörper verbunden, sie lässt sich nicht austauschen. Die Hersteller lösen das Problem, indem sie das gesamte System zum Nadelpreis tauschen. Bei MMs ist die Nadel inklusive dem Magneten abziehbar. MMs laufen schon bei wesentlich niedrigeren Gewichten. Grados kommen mit 1,7 Gramm aus. Grado-Systeme sind die Meister der Stimmwiedergabe. Ein Grado verleiht jeder Stimme einen Schmelz, der vielen akribischeren Systemen abgeht. Dafür lässt die Detailwiedergabe zu wünschen übrig. Diese Detailwiedergabe hängt wesentlich mit dem Nadelschliff zusammen. Günstige Systeme verwenden einen elliptischen Nadelschliff. Die Nadel tastet dadurch die Rille nicht so gründlich ab, nimmt aber auch minimale Ungenauigkeiten nicht so übel. An der Spitze steht der Van den Hul-Schliff, ähnlich aufwendig sind die Gyger-Schliffe. Bei ungenauem Einbau fräsen diese extrem scharfen Nadeln aber auch die Rille kaputt. Der beste Kompromiss ist der MicroLinear-Schliff (ML), ein verfeinerter elliptischer Schliff. Die etwas teureren Abtaster von Ortofon verwenden ihn.

Und auch mein derzeitiges Lieblingssystem verwendet ihn: das Audio Technica AT440ML. Dieser MM-Abtaster bietet einen für MM-Systeme unvorstellbaren Detailreichtum, verschont den Hörer aber auch mit all den scharfen Ecken und Kanten, die bei MC-Abtastern hier und da drohen. Überdies läuft es schon mit einem Auflagegewicht von 1,5 Gramm problemlos. Interessante Alternativen findet man bei Benz Micro. Das preislich entsprechende MC-20E (High Output für den MM-Eingang) verwendet einen elliptischen Schliff, nimmt aber durch schiere Dynamik und Spielfreude für sich ein. Benz hat trotzdem eine Empfehlung verdient: Die Systeme (samt und sonders MCs) bieten preisentsprechend erstklassige Qualität. Sie neigen nicht zu Verfärbungen, klingen aber auch nie dünn oder farblos. Benz Micro repräsentiert Schweizer Wertarbeit. Die günstigen Systeme lässt Benz auswärts fertigen, kontrolliert aber vorbildlich die Qualität. Auch Benz kann eine gute Produktkonstanz vorweisen.

  • Veröffentlicht in: HiFi

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