Blattkritik: Merkels Empörung über den Lauschangriff

Empört sind heute irgendwie alle, und zwar über den Lauschangriff. Bild titelt: “Merkel empört über Lauschangriff”, die Märkische Allgemeine Zeitung formuliert es etwas vorsichtiger: “Empörung über Lauschangriff”. Dabei stellt sich zumindest die Frage, ob einer, der gerade von einer Mount-Everest-Besteigung ohne Sauerstoffgerät und iPad zurückgekehrt ist, wirklich weiß, dass es um Muttis Handy geht. Aber lassen wir das. Fragen wir lieber: Wie erkennt man eigentlich Empörung?

Ob jemand Empörung äußert oder wirklich empört ist, sind zwei verschiedene Botschaften. Kaum anzunehmen, dass auch nur Einer in unserer politischen Klasse so blond ist zu glauben, dass die Amerikaner in Deuschland flächendeckend Mobilfunk ausspähen und ausgerechnet vor dem interesssantesten Handy der Republik zurückschrecken. Wir dürfen unsererseits also annehmen, dass sich in die Empörung eine große Portion Heuchelei mischt. Die Schlagzeilen könnten von diesem Standpunkt aus betrachtet auch lauten: “Merkel heuchelt Empörung” oder: “Heuchelei über Lauschangriff”. Das wäre natürlich eine Unterstellung. Aber die Annahme, Merkel oder irgendjemand in ihrem Umfeld sei ehrlich empört, können wir genauso schwer beweisen.

Ja, ich weiß: Man muss für Schlagzeilen verkürzen. Dennoch, liebe Bildzeitung: Schlagzeilen wie “Ich bin empört” kann Angela Merkel auch selbst schreiben, dazu braucht sie die Hauptstadtjournaille nicht. Der Leser übrigens auch nicht.

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