Der Nibelungensommer

Kennen Sie Richard Wagner? Ist es nicht schön, im Herbst, beim Fallen der Blätter, in der destruktiven Grandesse des musikalischen Zerstörers zu schwelgen? In einer Welt, in der jede Liebe zum tragischen Tod mindestens eines Liebenden führt. Im Idealfall stürzt sich bald darauf der andere in sein Schwert, oder ins Meer, oder in den Rhein. Es sitzt uns Deutschen im Blut, das Wagnerianische, das unvermeidliche schicksalhafte. Bis heute. Es gibt beispielsweise keine fröhlichen Lieder vom zeitgenössischen Lieblingspoeten der Deutschen, von Xavier Naidoo. Der singt lieber darüber, dass der Weg hart sein wird. Und kurz darauf zieht Deutschlands Nationalelf in die Fußballschlacht gegen den Erzrivalen Italien, wie weiland die Nibelungen zu Kriemhilds Gastmahl an König Etzels Hof. Und genauso schicksalhaft folgt auf den heldenhaften Kampf der sichere Untergang – im Falle der Nationalelf das Spiel um Platz 3.

Fußball ist das eine, der Sommer das andere. Im Sommer sollte doch Bacardi-Feeling herrschen, da sollten schöne junge Menschen leicht bekleidet auf Segelyachten herumlümmeln, und wir Normalverdiener mit dem Sixpack (nicht auf dem Bauch, sondern in der Hand) am Buga-Strand. Vorsicht! Deutsche Pop-Barden lassen nun auch über dem Langnese-Sommer des Jahrhunderts düstere Wolken heraufziehen.

Sebastian Hämer heißt der Unmensch, der uns zu unheilschwangeren Klängen den “Sommer unseres Lebens” verspricht. Dabei ruft der Text einfach nur dazu auf, den Sommer zu genießen. “Ja, und?”, fragen wir verunsichert, “tun wir das nicht schon ein paar Monate lang?” Dann fühlen wir die Musik, und wir wissen: Dieser Sommer wird deswegen der unseres Lebens, weil er der letzte sein wird, den wir erleben. Ganz genau. Wir bekommen Krebs! Oh, mein Gott, vielleicht ist noch Zeit! Schnell zur Vorsorge! Ach nee, geht ja nicht: Der Hausarzt sonnt sich ja auf Formentera. Und weil er dort nicht täglich Sebastian Hämer im Radio hört, weiß er vielleicht gar nichts von der Epidemie in der Heimat!

Oder ein Meteorit schlägt ein. Genau in Mitteleuropa! Schnell stürmen wir die Volkssternwarte und schauen aus nach dem Unheilsbringer aus dem All. Wir müssen aber einsehen, dass wir ohne astrophysikalisches Grundstudium leider gar nichts am Himmel erkennen können. Na, vielleicht gehen wir ja noch einmal hin, wenn die Sonne untergegangen ist. Oder lassen Sie uns fliehen! In der Hoffnung, dass das Unheil nur im Sendebereich deutschsprachiger Rundfunksender eintritt. Aber vielleicht weist uns Sebastian Hämer ja nur den Weg! Er ist der Prophet, der den Untergang der Dinge voraussieht. Es gibt kein Entkommen! Wir alle müssen uns ins Unvermeidliche fügen, in Treue verbunden, in Nibelungentreue! Richard, wir kommen!

Bis dahin lasst uns etwas Fröhliches singen. Vielleicht aus dem Evangelischen Gesangbuch?

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