Inauguration Day aus der Defensive betrachtet

Gedanken zur Amtseinführung von Biden und Harris

Ein Höhepunkt der Inauguration von Joe Biden zum 46. Präsidenten der USA und Kamala Harris zur 49. Vizepräsidentin der USA: Ein Gedicht der Poetin und Aktivistin Amanda Gorman. Pathos pur. Aber was fasziniert uns daran?

“There is always light, if only we’re brave enough to see it, if only we’re brave enough to be it”, rezitierte Amanda Gorman zur Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris in Washington. Amerika sei kein gebrochenes Land, es sei ein unvollendetes Land. Soviel nationales Pathos sprechen wir nicht einmal in unseren Träumen aus. Wir Einwohner eines Landes, das tatsächlich gebrochen ist. Aber nicht nur deswegen schauen wir gebannt zu.

Ein Konsens, der tiefer gründet

Wir schauen zu, weil uns die Lebenseinstellung dahinter fremd und abenteuerlich erscheint. Die Rituale der Vereinigten Staaten von Amerika sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsens, der tiefer gründet als unser Grundgesetz. Ein Enfant Terrible vom Schlag eines Donald Trump im Weißen Haus, der diese Traditionen nicht respektiert, kann die amerikanische Demokratie leicht erschüttern. Zumal die US-Verfassung auch extreme Auslegungen erlaubt.

Ganz anders unser Grundgesetz, das unsere demokratischen Institutionen schützt und für Interpretationen wenig Raum lässt. Daraus entstehen Demokratien unterschiedlichen Charakters: Hier die durch Institutionen geschützte Demokratie. Nennen wir sie eine defensive Demokratie. Dort die Demokratie der Traditionen, der Rituale, der großen Worte, die im Wesentlichen vom Engagement der handelnden Personen lebt. Eine sehr viel offensivere Demokratie.

Kommen wir zurück zur Poetin und Aktivistin Amanda Gorman: Was ist das eigentlich eine Aktivistin? Zu welcher Partei gehört die? An welchen Verein richtete sie ihre Mitgliedsgebühren? Welche Institution verleiht ihr ihre Bühne? In Deutschland handeln Amtsträger und Institutionen. Amerika zelebriert das Handeln des Einzelnen. “Wir alle brauchen den Mut, das Licht zu sehen und den Mut, es zu sein.” Keinem deutschen Poeten und Aktivisten wären diese Worte aus der Tastatur geflossen. Unsere Demokratie ist Angelegenheit der Profis. In den USA bekommen auch Schauspieler (Reagan) und Reality-Soap-Stars eine Chance.

“Change” ist kein Ausnahmefall

Diese Unterschiede unserer Einstellung zur Gesellschaft haben Folgen für die Wahl unseres Führungspersonals. Ich habe die Wahlkämpfe von acht US-Präsidenten bewusst miterlebt. JEDER einzelne “President to be”trat mit einer gesellschaftlichen Vision an. Auch Ronald Reagan. Auch Donald Trump. Das Beschwören eines “Change” ist kein Ausnahmefall in US-Wahlkämpfen. Es ist der Normalfall. Es ist Pflicht für amerikanische Präsidenten. Die amerikanische Demokratie gibt dem Präsidenten die Mittel an die Hand, einen “Change” zu bewirken.

In Deutschland hatten wir in 50 Jahren genau zwei Bundeskanzler, die mit einer Vision von gesellschaftlichem Wandel ins Amt gelangten: Willy Brandt (“Mehr Demokratie wagen”) und Helmut Kohl (“Die geistig moralische Wende”). Unsere Regierungschefs stehen nicht direkt zur Wahl. Sie winden sich durch mächtige Parteiapparate, die Ecken und Kanten abschleifen. Und am Ende küren die Parteien (sic!) den neuen Verwaltungschef oder die neue Verwaltungschefin unserer Bundesrepublik.

Wir fürchten den Wandel und sind heimlich fasziniert

Der Kanzler oder die Kanzlerin hat eine zentrale Aufgabe: Jedweden Wandel sozialverträglich abfedern! Der Wähler verlangt das. In einem der reichsten Länder der Welt, gebettet in eines der besten Sozialsysteme der Welt fürchtet er die Unwägbarkeiten einer ungewissen Zukunft. Vergessen wir nicht: Helmut Kohl war der erste Bundeskanzler der abgewählt worden ist. Und Angela Merkel würde vermutlich auch 2020 wiedergewählt, stünde sie für eine weitere Amtsperiode zur Verfügung. Wir scheuen den Wandel.

Am Inauguration Day sitzen wir dennoch vor der Glotze und sind fasziniert. Denn im Grunde wissen wir, dass wir Wandel und Fortschritt brauchen. Und wir blicken neidvoll auf die pompösen Rituale, in denen die Amerikaner ihr Vertrauen in die Hände eines einzigen Mannes oder einer einzigen Frau legen. Diese Rituale singen das Hohelied auf die Fähigkeit des Einzelnen, die Zukunft erfolgreich zu gestalten. In einem Winkel unserer Seele, wünschten auch wir uns den Mut, Licht zu sehen und es in die Welt zu tragen. Wenn neu gewählte US-Präsidenten davon sprechen, Amerika inspiriere die Welt, meinen sie vielleicht genau das.

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