Donald Trump oder der Reiz eines Rabauken

Official portrait of President Donald J. Trump, Friday, October 6, 2017. (Official White House photo by Shealah Craighead)

Ein Versuch, Donald Trump zu begreifen

Zum Abgang von Donald Trump als 45. US-Präsidenten schwirren schadenfrohe Memes in Massen durchs Netz. Ein letztes Mal. Spüren wir währenddessen dem Phänomen Trump nach. Ein letztes Mal.

Haben Sie sich einmal die Mühe gemacht, eine Rede von Donald Trump in voller Länge zu anzuschauen? Versuchen Sie es. Vielleicht in einer Art nostalgischer Anwandlung. Denn der Urheber dieser ungewöhnlichen Wortergüsse hat sich aus unserer Lebenswirklichkeit endgültig verabschiedet – selbst wenn er in den USA weiter politisch aktiv bleibt. Versuchen Sie nicht, den oft wirr verknüpften Gedanken des stets frei sprechenden Soap Stars zu folgen. Begleiten sie ihn einfach durch seine Sendezeit, wie sie einen Standup Comedian begleiten würden.

Dafür ist er geboren, glaubt Trump

„Give the people what they want“ – „Gebt den Leuten, was sie wollen“, sagt man im Showgeschäft. Und der Mann am Mikro enttäuscht seine Zuhörer nicht. Im Gegenteil. Der Ex-Unternehmer und Ex-TV-Star scheint im Wahlkampf seine Bühne gefunden zu haben. Genau dafür ist er geboren worden, denkt er. Mit Witzen und Grimassen zieht er über bestimmte Politiker oder Politiker im Allgemeinen her, bringt sein Publikum zum Lachen und Brüllen. Dann, auf dem Gipfel der Begeisterung, steuert Trump um. Er führt die Masse in die Wut. Auf einem Ozean aus Adrenalin und Endorphinen brechen die Emotionen nun krachend an die Felsen der politischen Klasse. Keiner vor Trump hat das gewagt. Das imponiert seinen Fans.

Trumps Reden zeichnet ein sicherer Instinkt für Timing und Spannungsbögen aus. Bedenken wir: Der Mann ist beratungsresistent. Der hat das ganz sicher nicht trainiert. Es gibt kein Skript, keine Choreographie – und keinen doppelten Boden, Das ist Mut. Das ist Talent. Wer das nicht versteht, wird nie begreifen, was die Faszination von Donald Trump ausmacht. Können wir uns da wundern, dass er sich für einen Präsidenten durch Geburt hielt? Wem würde das nicht so gehen? Ein Präsident wirst du nicht, wenn du an dir und deiner Bestimmung zweifelst. Keiner trat je so furchtlos auf wie Donald Trump. So oft haben wir Comedians zugesehen, wie sie Politik und Politiker auf die Hörner nehmen. Und hier kommt tatsächlich einer, der sich das im Amt traut.

Das Erhabene im Schlüpper

Warum auch nicht? Amerikanische Politik ist ganz und gar zugeschnitten auf den großen Zampano, der das Volk mit weihevollen Worten verzaubert. Auch Donald Trump betritt als Matador die politische Arena. Damals im Wahlkampf 2016. Es war eine Szene wie aus Indiana Jones: Erinnern Sie sich? Harrison Ford steht diesem riesigen Araber gegenüber, der ein riesiges Schwert schwingt. Nach einer Schrecksekunde erinnert sich Indy an den Revolver an seinem Gürtel. Er zieht, drückt ab, und der Bösewicht fällt theatralisch hinten über. Was haben wir gelacht. Da hat einer ganz allein 100 Jahre Mantel-und-Degen-Film in ein paar Sekunden lächerlich gemacht. Der Wahlkämpfer Trump macht das genauso. Er erlegt Hilary Clinton nicht etwa elegant mit dem Florett. Er zieht die Wumme, und streckt die Widersacherin mit einem Blattschuss nieder. Bäng! Dafür erntet man keine „Aaaaahs“ und „Ooooohs“, sondern Gelächter. Dafür wird man nicht bewundert, sondern geliebt.

Nach Jahrzehnten großer Reden einerseits und zerbrechender amerikanischer Träume andererseits haben Trumps Anhänger genau darauf gewartet. Da kommt einer und pustet den gesamten Politikbetrieb über den Haufen. Der schert sich nicht um 250 Jahre alte Rituale. Der macht, dass das Erhabene im Schlüpper dasteht. Der spricht auch nicht wie einer aus einer anderen Welt. Trump klingt wie die Welt, die einen umgibt, in einer Mittelstadt im amerikanischen Rust Belt. „I don’t sugar coat shit. I’m Donald Trump, not Willy Wonka.“ (Ich überziehe Scheiße nicht mit Zuckerguss. Ich bin Donald Trump, nicht Charlie aus der Schokoladenfabrik). Sagen Sie nicht, das sei keine gelungene Pointe. Das bleibt im Kopf. Mit solchen Worten kannst du nicht lügen. Musst du auch nicht. Wer sich sowas traut – ALS PRÄSIDENT!!!!! -, für den gibt es keine Grenzen. An dem zweifelt man nicht mehr.

Erschrecken wir die Welt!

Darum legen Trumps Wähler ihr Vertrauen in die Hände eines Unterhaltungskünstlers mit schillernder Vergangenheit aus einem goldenen Turm. Sie knüpfen ihr Schicksal an seines. Wenn einer was ändern kann, dann Trump. Und nur er! Kein Team! Wer ihn bremst, fliegt. Dass er dafür Applaus bekommt, weiß er aus seiner Show „The Apprentice“. Wer so vollkommen frei von Furcht, auf niemanden angewiesen ist, der geht zur Not auch übers Wasser. Und sei es nur, weil das Wasser seinerseits Angst bekommt. Und das ist gut so. Denn Angst zwingt andere, zu tun was du willst. Das ist bekannt. Kinder erzieht man schließlich auch mit strenger Hand. Wer also etwas erreichen will, muss Druck ausüben. Auf die „Eliten“ im schicken Los Angeles oder im protzigen New York, das gilt aber auch für Amerika und die Welt: So groß wie Amerika ist, lebt es in einer Welt von Kindern, denen man ab und zu drohen muss, damit sie die Hausaufgaben machen. Wozu hat Amerika all die Atombomben? Warum hat Amerika Flugzeugträger, die so groß sind wie kleine Länder? Doch wohl, damit die Welt Angst bekommt, oder? Aber seit Generationen lassen sich US-Präsidenten von „Shithole Countries“ austricksen und übervorteilen. Also, dann erschrecken wir die Welt: „Make America Great Again!“

Die Wut ist stärker als der Zweifel

„The Donald“ hat all die Verlorenen eingesammelt, und all jene in der Mittelschicht, die Angst haben, alles zu verlieren. Er hat Menschen an die Urne gebracht, die noch nie gewählt haben. Er hat das ungeliebte nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) liquidiert, das von seinen Kritikern für den sozialen Abstieg der Arbeiterklasse und das Abwandern von Fabriken nach Mexiko verantwortlich gemacht wird. Er war der Weckruf für Demokratie und Demokraten. Und wenn etwa Joe Biden und Kamala Harris wie versprochen erstmals Maßnahmen zur landesweiten Förderung regionaler Infrastruktur einleiten, dann ist das ein kleines bisschen auch Trumps Verdienst.

Natürlich scheitern große Revolverhelden an Problemen, die sich nicht mit einem Schuss lösen lassen. Covid 19 ist die größte Tragödie der Vereinigten Staaten seit dem Vietnamkrieg. Das macht etwas mit einem wie Trump. Es ist einfach ungerecht, so wird er gedacht haben, dass ausgerechnet er so eine Krise zu meistern hat, und nicht der verachtete Vorgänger Obama. Das Virus hat Trump besiegt. Jahre hat er in einem Rausch gelebt, in den beifallumtosten Arenen eines Wahlkampfes, der niemals enden sollte. Im letzten Jahr seiner ersten Amtszeit kam das Virus. Plötzlich hätte Donald Trump in stickigen Konfernzräumen mit anderen Menschen um Lösungen ringen müssen. Er hätte vor sich und der Welt eingestehen müssen, dass auch er mal Hilfe braucht, dass er eben nicht in allem der Klügste ist. Vollgesogen mit der Liebe und Verehrung seiner Anhänger hat er diesen Gedanken jahrelang verdrängen können. Nun kommt der Zweifel. Dann sucht er sich lieber einen neuen alten Feind, die Demokraten. Denn die Wut ist ein mächtiges Gefühl. Sie verdrängt alle Zweifel und Ängste.

Trump stürzt sich in den Wahlkampf. Nein, er flieht in den Wahlkampf. Noch einmal setzt er alles auf eine Karte. Wenn Trump zuschlägt, dann um zu vernichten. Dann kennt er keine Grenze. Der Ausgang ist Geschichte. Hätte Donald Trump anders handeln können? Wäre das denkbar gewesen? Könnten wir uns eine Welt vorstellen, in der ein Donald Trump als kluger Stratege Interessen abwägt und in zähen Verhandlungen Lockdown-Strategien aushandelt? Die Stärken, die Donald Trump den Weg ins Weiße Haus ebneten, stellten sich am Ende als die Schwächen heraus, die ihn die zweite Amtszeit kosteten. Nicht Biden hat ihn besiegt, nicht „das Establishment“. Ein Virus hat ihm den Rest gegeben. Demokraten auf der ganzen Welt sollten das nicht vergessen.

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