Auch in China lebt der Geist der Spiele

Sollten wir boykottieren? Oder doch besser daran teilnehmen und dabei die Augen zukneifen? Es geht natürlich um Olympia. War es richtig, die Spiele nach China zu vergeben? Ist das Reich der Mitte schon reif für das Sportfest? Immerhin steht am Vorabend des Auftaktes der Olympiade in Peking fast alles auf dem Prüfstand. Stellen wir noch mehr Fragen: Darf Olympia politisch sein? Wie unpolitisch dürfen die Spiele sein? Wer hat wieviel getan, Informations- und Meinungsfreiheit zu ermöglichen? Wer hat nichts getan?

Die Spiele sind wie unsere Welt: Viele Fragen, keine Antworten aber viel Ringen um den richtigen Weg. Die Spiele konnten keinen besseren Austragungsort finden als die Volksrepublik China. Das Land ist im Werden, wie unsere neue Welt. Es schickt sich an, die Europäer an Wirtschaftskraft einzuholen, es schickt sich an, der Supermacht USA auf Augenhöhe zu begegnen, es schickt sich an… und weiß doch nicht, wohin die Reise geht.

Selbst wenn Chinas Mächtige dem Westen Spiele und Athleten der Superlative präsentieren können, wenn sie die Kontrolle über Information und Meinung im Land behalten, dann werden sie Federn lassen. Ein Heer von Journalisten wird in der Volksrepublik einfallen. Aber gerade das, was die Pekinger Machtelite am meisten begehrt, schadet ihr am meisten: die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit.

Doch auch der Westen kommt allenfalls mit Schrammen davon. IOC-Präsident Jacques Rogge höchstpersönlich muss sich des Vorwurfs erwehren, die Spiele an ein Unrechtsregime verkauft zu haben, ohne viele Fragen gestellt zu haben. Die Spiele – das steht fest – werden durchdrungen sein vom Geruch der Dopingmittel. Wer die Spiele gern in einem perfekten sauberen Paradies sehen will, muss sagen, wo dieses Land liegt und wie es heißt. Und er muss wissen, dass die Spiele selbst nicht sauber sind. Seit ewigen Zeiten gab es keine Olympiade ohne Doping-Skandal. Und auch politisch waren die Spiele immer, zumindest seit die Nazis 1936 den Fackellauf einführten und der medialen Aufbereitung sportlicher Großereignisse ihre auch heute noch gültige Dramaturgie gaben.

Politisch und kontrovers waren die Spiele und das werden sie vorerst bleiben. Nach den Spielen in Peking wird nichts mehr sein, wie es war. China nicht und die Olympiade auch nicht. Nur der Traum wird bleiben. Der Traum von einer sauberen, fairen, unpolitischen Olympiade. Dabei passen diese Zuschreibungen auf jede Fußballweltmeisterschaft besser als auf Olympia. Doch der Traum ist wichtig. Er bewahrt den Geist der Spiele. Wenn ihn niemand mehr träumt, dann werden die Spiele vielleicht zu dem Hort von biederer Reinheit geworden sein, als den sie viele Peking-Kritiker gern sähen. Sie wären dann vielleicht sauber, aber auch überflüssig. Denn dann haben sie die Kraft verloren, in der Welt der Menschen etwas zu bewegen.

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