Fedora 17: Fragen an Gnome 3.4

Fedora 17: Gnome 3.4 mit Firefox-Fenster

Fedora 17 bringt den Gnome-Desktop in Version 3.4 mit. Tenor der Meinungen im Netz: Gnome 3.4 geht in die richtige Richtung. Doch einige Eigenheiten hat der Desktop auch in der aktuellen Fassung behalten. Für den Benutzer wirft Gnome 3.4 nach wie vor mehr Fragen auf als er Antworten gibt.  Im professionellen Einsatz bereitet er mehr Probleme als Lösungen.

1. Warum gibt es keine sofort erkennbare Möglichkeit, Fenster von geöffneten Anwendungen zu maximieren oder zu minimieren? Schnell lernt der Nutzer, dass er ein Fenster mit einem Doppelklick auf die Titelleiste maximieren kann. Warum gibt es aber dann keine Taste, die dies signalisiert? Und warum kann man das Fenster nicht komplett minimieren? Oder verbirgt sich diese Funktion nur einfach noch besser als die meisten anderen von Gnome 3.4?

Fedora 17: Gnome 3.4 mit geöffneten Anwendungen

2.  Warum gibt es keine Auswahl, mit der man bequem zwischen Anwendungen wechseln kann? Spätestens mit drei geöffneten Anwendungen wird es auf dem Desktop unübersichtlich (Foto rechts). Die Fenster überlappen einander. Bei Gnome 2 kann ich störende Fenster einfach minimieren und aus der Taskleiste wieder hervorholen, wenn ich sie wieder brauche. Bei Gnome 3.4 muss ich auf „Aktivitäten“ klicken. Danach erhalte ich eine Übersicht aller geöffneten Fenster. Die fällt allerdings auf dem 10-Zoll-Display meines Netbooks so klein aus, dass ich die Anwendungen nur schwer auf einen Blick identifizieren kann. Für einen Bildschirmarbeiter ist Zeit aber bares Geld.

3. Was ist aus dem Umschalter für die Arbeitsflächen geworden? Die Möglichkeit, Anwendungen auf verschiedene Arbeitsflächen zu verteilen, zählte für mich von Anfang an zu den großen Stärken von Linux. Ich pflege meine wichtigsten Arbeitsinstrumente (Browser, E-Mail, Textverarbeitung) auf eine Arbeitsfläche zu legen. Die zweite Arbeitsfläche brauche ich für sekundäre Arbeitsinstrumente (GIMP, Shotwell, gftp etc.). Auf dem dritten Arbeitsbereich läuft das Unterhaltungsprogramm für die kurze Unterbrechung (Musikplayer, Skype etc.). Gnome 3 beraubt mich dieser Möglichkeiten. Warum?

4. Warum muss ich lange herumklicken, um eine Anwendung zu finden? Wenn man so viele Anwendungen nutzt wie ich, dann wird es eng in den Favoriten.  Ich muss mir also meine Anwendungen im Menü suchen. Bei Gnome 2 habe ich Browser und E-Mail als wichtigste Anwendungen im Panel. Wenn ich mich an den PC setze, dann entscheidet das, was ich in einem dieser Programme finde, darüber, welche Anwendung ich jetzt brauche. Bei Gnome 2 reicht ein Klick auf „Anwendungen“. Im Drop-Down-Menü finde ichsofort die passende Anwendung. Dieses System ist auch dem zentralen Startmenü überlegen. Alle KDE-3-Nutzer, die ich kenne hatten ihre Desktops mit Anwendungsstartern vollgepackt. Gnome 2 lässt den Platz auf dem Desktop für das, woran man gerade arbeitet. Gnome 3 verlangt von mir, dass ich mich erst ins Aktivitätenmenü klicke, dann muss ich in die Programmübersicht wechseln. Von dort habe ich Zugriff auf die von Gnome 2 gewohnten Anwendungskategorien (Büro, Internet, Multimedia etc.). Wenn ich weiß, wie meine Anwendungen heißen, dann kann ich sie alternativ über die Anwendungssuche finden.

5. Wo ist der Desktop? Im klassischen Menü ist der Desktop genau das, was sein Name sagt: Die Schreibtischplatte. Dort lege ich alles ab, an dem ich gerade arbeite. Ein Blick auf den Desktop, und ich sehe sofart, was ich noch zu erledigen habe. Wenn der virtuelle Schreibtisch voll ist, dann verfahre ich genau wie mit dem Schreibtisch, an dem ich jetzt gerade schreibe: Ich sortiere. Ich schmeiße einiges weg, sortiere anderes in die dafür angelegten Ordner. Gnome 3 ballert seinen Desktop mit riiiiiiesigen Icons zu. Da wäre gar kein Platz für meine gewohnte Arbeitsweise – selbst wenn die Entwickler dies vorsähen.

Die Anwendungssuche steht für die Widersprüche in Gnome 3

Fedora 17: Gnome 3.4 mit intelligenter AnwendungssucheGnome 3.4 sieht schick aus und läuft zumindest unter Fedora 17 selbst von der Live-CD vollkommen flüssig auf all meinen Computern. In Sachen Ressourcenverwertung schlägt Gnome 3.4 mit Leichtigkeit seinen Widersacher, Ubuntus Unity-Desktop. Sehr gut funktioniert auch die Anwendungssuche. Gnome 3.4 schlägt Anwendungen zu den eingegebenen Begriffen vor. Die Suche erkennt nicht nur den Namen einer Anwendung, sondern kann sie auch nach dem Verwendungszweck finden, So listet die Suche bei Eingabe von “E-Mail” selbstverständlich die Gnome-Standardanwendung Evolution auf. Leider war die Suche nicht in der Lage, bei Eingabe von “Browser” den Firefox zu finden.

Die Suche soll als Krücke dienen, weil die Funktionsprinzipien von Gnome 3 einen sinnvollen Zugriff auf Symbol-Icons verhindern. Die gewohnten Icons haben ihre Berechtigung. Nachgewiesenermaßen können Menschen Handlungen am besten mit optischen Symbolen verknüpfen. Ein Beispiel: Öffentliche Gebäude wären im Brandfall Todesfallen, wenn man die Piktogramme für die Notausgänge durch schriftliche Hinweisschilder ersetzen würde. Ebenso verhält es sich mit Icons für Anwendungen. Bevor ich auch nur einen Buchstaben in die Suche getippt habe, kann ich das Icon mit dem Briefumschlag erkennen und daraus schließen, dass ich mit diesem Programm E-Mail schreiben kann. Das Beste daran: Dieses reflexhafte Verhalten hilft mir auf jedem Desktop in jedem Betriebssystem der Welt und sogar mit japanischer Spracheinstellung.

Gnome 3 eignet sich weder für kleine noch für große Displays besonders gut

Ein anderer Widerspruch liegt in der Organisation des Desktops an sich: Ganz offensichtlich soll der neue Gnome sich auch für die beengten Verhältnisse auf Smartphones oder Tablets eignen. Das zeigen schon die riesigen Icons. Vorsicht: Schreckhafte Gemüter könnten zusammenzucken, wenn sichFedora 17 mit Gnome 3.4 auf einem 20-Zoll-Bildschirm öffnet. Das Firefox-Icon ist so groß wie ein Klodeckel. Doch die Übersicht über geöffnete Anwendungen eignet sich überhaupt nur für große Bildschirme. Auch die Scrollbalken an den Rändern der Fenster sind so winzig ausgefallen, dass wir einen Einsatz auf dem Tablet oder Smartphone wohl ausschließen können.

So lässt sich feststellen: Wie Unity eignet sich Gnome 3 auch in der neuen Version nicht für den Produktiveinsatz eines Journalisten. Der Desktop wirkt vollkommen damit überfordert, mehr als den Browser, den Chat-Client und den Musikplayer gleichzeitig zu verwalten. Gnome 3 ist ein schicker Lifestyle-Desktop für die Facebook-Generation. Im Unterschied zu Unity, der wenigstens Nutzern kleiner Displays eine durchdachte Oberfläche bietet, eignet sich Gnome 3 weder für kleine noch für große Displays besonders gut.

Die Gnome-Entwickler müssen sich entscheiden, für wen sie Gnome 3 entwickeln wollen

Es wird Zeit, dass die Gnome-Entwickler den Anwendern signalisieren, in welche Richtung, für welche Zielgruppe sie ihren Desktop entwickeln wollen. Dafür müssten sie zunächst eine Entscheidung treffen. Ein professioneller Anwender wird sich nie von etwas überzeugen lassen, das die Arbeit nicht leichter, sondern schwerer macht. Andererseits werden Privatanwender nie mehr zu den althergebrachten Menüs zurückkehren wollen, wenn sie einmal ein iPhone oder ein Android-Smartphone bedient haben. Dass der PC allmählich aus dem privaten Gerätepark entschwindet, liegt auch daran. Alle Desktop-Entwickler müssen sich künftig für einen der beiden Wege entscheiden. Der Alleskönner PC, der dem Softwareentwickler, dem Journalisten, dem Gamer und der Omi ein und denselben Desktop anbietet, ist Geschichte.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Wolf,

    zu 1: zum Minimieren von Fenstern gibt es die mittlere Maustaste. Wenn der Cursor in der Titelleiste ist, dann mittlere Maustaste drücken.

    zu 2: zum Wechseln zwischen den Anwendungen – Alt + Tab. Eine andere Ansicht kann via extensions.gnome.org geladen werden, z.B. AlternateTab

    zu 3: wieder via Tastenkombi . ALT + CTL + Pfeil-nach-unten|oben oder die Taste ALT drücken und dann rechts via Maus wechseln. Hier können auch Anwendungen von einem Fenster in ein anderes „sortiert“ werden

    zu 4: wieso klicken? Einfach System Taste (Windows Taste) drücken und dann das Tippen was gesucht wird, z.B. Browser oder Firefox und ENTER drücken.

    zu 5: Ja der ist weg.

    Eine kleine Übersicht zur Tastatur gibt es z.B. hier: http://mikuerschner.org/node/24

  2. Hallo Michael,
    vielen Dank für die Ergänzungen. Ich sehe schon: Gnome3 besitzt verborgene Talente. Die Betonung liegt auf „verborgen“. Ich bin nicht sicher, ob ich mich freuen kann, dass man mit Gnome 3 doch arbeiten kann, wenn man nur genug Tastenkobinationen auswendig lernt. Im Sinne eines einfachen Umgangs mit dem PC finde ich das einen Rückschritt. Stehen wir da nicht kurz vor einer Renaissance der Befehlszeile?
    Wolff

  3. Ich denke nicht, dass wir eine Rückkehr der Kommandozeile erhalten, obwohl Windows Server Core schon sehr spartanisch ist und die PowerShell von Windows viel Power hat. Du siehst die Steuerung über die Tastatur ist nicht tot zu kriegen und auch bei anderen Systeme im kommen.

    Um die verborgenen Qualitäten habe ich mir auch schon einmal sorgen gemacht:

    „….Diese Einführung zu allen Konzepten hätte beim Ersten Starten der neuen Oberfläche kommen müssen. Bei der Einführung von Windows 95 gab es auch einen Infodialog, welche die neuen Möglichkeiten vorstellte, wieso wohl. Die Entwickler können Sich wahrscheinlich gar nicht denken, dass es Startschwierigkeiten gibt. Wieso sagt das denen niemand? Es ist wie überall: Man muss die Nutzer/Bürger mitnehmen, ihnen erklären warum. Die vielen Artikel zum Thema „GNOME 3.0 ist doof“, „Ich bleib beim alten GNOME 2.x“, „LXFE der schnelle Desktop“ oder gar „Unity“ sind die Reaktionen darauf.“ Quelle: http://mikuerschner.org/node/22

    Micha

  4. Pingback: Test: Fedora 17 mit Cinnamon auf dem Acer Aspire One | Wolff von Rechenberg

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