Phaenomene des Alltags: Das Navi

Entdecker wie Christoph Kolumbus fanden einst nach den Sternen zu fremden Gestaden. Hier der Polarstern, dort das Kreuz des Südens. Aha, da geht’s nach Indien. Auch wenn wir von Kolumbus gelernt haben, dass der Weg nicht immer am gewünschten Ziel endete (Seeweg nach Indien), so steht doch auch fest, dass der Irrtum mehr auf falscher Annahmen beruhte als auf unpräzisen Angaben der Gestirne. Der Italiener in spanischen Diensten hatte die Taille unserer Mutter Erde zu schlank geschätzt.

Die Enkel der Pioniere ließen sich von exakten Karten leiten, die Position bestimmten Sie mit Sextant und Oktant. Eine Karte nutzen auch heutige Autofahrer. Autobahnkarte und Stadtplan weisen den Weg. Doch den Seebären mit dem Sextanten ersetzt im Straßenverkehr Vati mit seinem Navigationsgerät, genannt “Navi”. Mittlerweile leitet das Navi wohl fast jeden Autofahrer zum nächsten Zigarettenautomaten. Der Weg ins Büro oder zu den Schwiegereltern – all dies schwindet aus dem Bewusstsein bundesdeutscher Straßenkapitäne. Digitale Demenz.

Dabei lassen die Navigationsinstrumente durchaus zu wünschen übrig. Ich will hier nicht alten Klischees das Wort reden, nach denen unzählige Navi-Opfer ahnungslos ihre Familienkutsche in den Rhein-Herne-Kanal gesteuert haben, weil das Navi den falschen Weg gewiesen hat. Wer den Anweisungen seines Navi ohne Murren eine Uferböschung hinab folgt, der sollte besser gar kein Automobil mehr steuern, bis das psychiatrische Gutachten vorliegt. Navis führen nicht automatisch zu größeren Flurschäden. Und das obwohl das Navi Männer dazu zwingt, den mündlichen Anweisungen einer Frau zu folgen.

Die Kommunikation zwischen Fahrer und Navi steckt voller Tücke. So sagt mir das Navi: “Fahren Sie 85 Kilometer!” Wohin? Nach vorn oder zurück? Nach oben oder unten? Gemeint ist “geradeaus”. Warum kann das Navi keine vollständigen Sätze sprechen? Stichwort Umgangsformen: Warum kriege ich kein Lob, wenn ich wie angeordnet links abgebogen bin? Wäre doch schön, dann ein kurzes “gut gemacht” zu hören. Als Entschädigung gewissermaßen.

Nein, natürlich schimpft das Navi nicht, wenn ich mal die richtige Abfahrt verpasse. Dann kommen keine Zurechtweisungen, wie etwa: “Ich sagte: Links abbiegen!” Das Navi schmollt auch nicht und verweigert dann für die nächsten gefühlten 238 Kilometer die Mitarbeit wie das übersensible Beifahrer zu tun pflegen. Das Navi reagiert gelassen: “Route wird neu berechnet.” Doch gerade dieses “Route wird neu berechnet” ist es, das am Ego des Fahrers nagt.

Noch bevor das Navi sein Sprüchlein aufsagt, verkrampfen sich in meinem Innern vor Schuldgefühlen die Eingeweide. Ich weiß: Ich bin schuld. Das Navi muss jetzt mein erbärmliches Versagen ausbügeln. Ohne Protest berechnet es eine neue Route, weil ich die alte verpeilt habe, und das teilt es mir mit. Ohne Vorwurf. Wie eine gütige Kindergärtnerin es tun würde, wenn sich zwei Kinder bei einem ungünstigen Ausfallschritt mit Bauklötzen die Netzhäute durchbohrt haben.

Man kann so vieles für all diese Mobilgeräte herunterladen. Neues Kartenmaterial, zusätzliche Funktionen, mit Sicherheit auch bald zusätzliche Stimmen (Schnuffel oder Mauli wären garantiert echte Hits). Doch ein ganz wichtiges Update für mein Navi wird wohl ein Traum bleiben: Ein Update “Soziale Kompetenz 2.0”.

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