Autor: Wolff von Rechenberg

Mit der Ware allein

Gegen 19 Uhr legt sich der Einkäuferstrom auch im letzten Lidl-, Aldi- oder Nettomarkt der alten Residenzstadt Brandenburg an der Havel. Bis 20 Uhr sind die Kassiererinnen in der Überzahl. Ab dem 1. Dezember sind die Mitarbeitenden noch ein paar Stunden länger mit ihrer Ware allein: Das Land Brandenburg gibt die Ladenöffnungszeiten frei. Freude wird da maximal in den großen Einkaufszentren auf der grünen Wiese aufkommen, die ihre Kundschaft aus dem weiteren Umkreis rekrutieren.

James Bond – Episode I

Um die Welt jetten, in teuren Anzügen in teuren Casinos sitzen, trockene Martinis und schöne Frauen vernaschen. So kennt man James Bond. Daniel Craig, der fünfte offizielle Bond-Darsteller im 21. offiziellen Bond-Abenteuer „Casino Royale“ gibt uns nun einen Bond in der Ausbildung, einen Geheimagenten, der sich unter strenger Kontrolle von M (Judi Dench) im Kampf gegen den Halunken Le Chiffre (Mads Mikkelson) seine Doppel-Null verdienen muss. Craig zeigt Bond als Straßenköter, der sich hocharbeitet und dabei manchmal noch darüber aufgeklärt werden muss, dass es solche und solche Dinerjackets gibt. Craigs Bond ist (noch) kein cooler Zyniker, aber einer, der die wichtigste Qualifikation für einen Doppelnull-Agenten mitbringt: Er kann töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Dabei wirkt er oft brutal. Kein Wunder: Craigs Bond ist keine Karikatur auf einen englischen Snob, wie der von Roger Moore, und kein Dandy, wie der von Pierce Brosnan. Seit Sean Connery hat kein Bond mehr jene Aura von Gefährlichkeit verbreitet, die zu einem Killer im Regierungsauftrag passt. Craig holt Bond aus dem Glamour und verleiht ihm etwas überraschend Reales. Graigs Bond ist ein Bond, wie ihn eher John le Carré als Ian Fleming erdacht haben könnte. Dazu passt seine Ausstattung. Die abgefahrenen Spielzeuge eines Q stehen dem neuen Bond kaum zur Verfügung. Einzig der Defibrilator im Handschuhfach erinnert an alte Zeiten. Dafür konsultiert er ab und zu das Hauptquartier und sei es nur, um in der Datenbank zu recherchieren. Craigs Bond zeigt als erster die Fähigkeit zur Entwicklung. Überrascht stellen wir fest, dass der junge Bond am Ende seiner Episode I ein anderer ist als der, den wir in der ersten halben Stunde kennengelernt haben. Mit Casino Royale haben sich die Bond-Produzenten eine ganz große Chance eröffnet: Bond ist nicht als Playboy vom Himmel gefallen, er hat eine Geschichte. Daniel Craig könnte der erste wirklich neue Bond werden, wenn die Produzenten es nicht vermasseln, indem sie ihm weiter so fade Drehbücher geben. Denn das größte Problem von „Casino Royale“ ist nicht der neue Bond, sondern das schlechte Timing mit seinen langen und langatmigen Sequenzen und seinem zerfaserten Spannungsbogen.

Quickie zweier Exzentriker

1968 ging das israelische Pop-Duo Esther und Abi Ofarim als Traumpaar um
die Welt. Der Rest ist Geschichte:
Traum und Paar zerbrachen schon ein Jahr später. Aus dem Nachlass der
wechselvollen Lebensgeschichte der Esther Ofarim liegt nun ein fast
vergessenes Juwel vor. „Esther Ofarim in New York with Bobby Scott and
his Orchestra“ nahm die damals in Amerika noch unbekannte Sängerin 1965
mit einem der damals angesagtesten Jazz-Orchester auf, mit dem des
Multiinstrumentalisten Bobby Scott. Scott hielt sich ganz bescheiden für
einen der größten lebenden Arrangeure, heißt es im Booklet der CD.
Logisch, dass so jemand manchmal vergisst, dass er nicht allein im
Studio steht. Sonst hätte er beim Abhören der Aufnahmen ganz sicher
gemerkt, dass seine Arrangements der Sängerin manchmal zuviel
abverlangen. In „By Myself“ klingt Esther Ofarims Stimme in den hohen
Lagen etwas gepresst, und das ist leider nicht der einzige Song, auf den
das zutrifft. Bobby Scott soll Esther in Tönen gelobt haben, die er
sonst nur sich selbst vorbehielt. Da ist trotz der erwähnten
Einschränkungen eine Menge dran. Esther Ofarim gibt sich in jeden Song
voll hinein, singt als sei es der letzte auf der CD. Dazu groovt das
Orchester, dass es eine Wonne ist. Es musste damals alles sehr schnell
gehen, erinnert sich Esther Ofarim in einem Interview im Booklet. Da
waren die Musiker, da war das Studio und dann ging es los. Ein Quickie
zweier musikalischer Exzentriker. Man spürt die Spannung im Orchester
wie in der Stimme der Sängerin, das macht die Platte so wertvoll. Ein
Geheimtipp für alle Freunde von großen Stimmen und großen Besetzungen.
Für Fans der israelischen Sängerin ist die Platte schon wegen des
umfangreichen und informativen Begleitmaterials ein Muss!

Super-Playstation rettet die Welt

Zu uns Europäern kommt Sonys Playstation 3 erst im März 2007. In den Schlagzeilen ist sie aber schon jetzt: Erst erfahren wir, dass Linux drauf läuft und aus der Daddelkiste einen vollwertigen PC macht. Heute berichtet die Netzzeitung, dass die PS3 gegen Krebs, Alzheimer und Parkinson helfen soll. Die Playstation-Gamer rund um die Welt sollen ein kleines Programm installieren, das unbenötigte Rechenleistung für wissenschaftliche Arbeiten bereitstellt. In Anlehnung an Seti@Home könnte man das Projekt vielleicht Seti@Jugendzimmer taufen. Jede Wette: Der Sony-Konzern wird sich noch ein paar nette Kleinigkeiten einfallen lassen, um das alte Europa auf die neue Playstation vorzubereiten. Demnächst werden wir erfahren, dass das Ding Mutti beim Kartoffelschälen hilft, und Opa abends die Zeitung vorliest. Nur, was ist dann mit dem Coolness-Faktor?

Kein Argument für Ballerspiele

Noch bevor der letzte Schuss in den Fluren der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Emsdetten verklungen war, begann der ritualisierte Diskurs über gewaltverherrlichende Computerspiele. Politiker mit Hang zur Vereinfachung fordern ein Verbot der fraglichen Spiele. Wissenschaftler und Experten mit einem Hang zur Intellektualisierung sagen: Es liegt nicht an den Spielen, die kommen nur zu den sonstigen Umständen hinzu. Man kennt die Debatte aus dem Amoklauf in einer Erfurter Schule, 2002. Ich bin für ein Verbot dieser so genannten Ego-Shooter.

Warum? Schließlich haben beide Amokläufer schwarze Mäntel getragen. Soll man die auch verbieten? Seit 2003 haben die Spielehersteller eine Art Freiwilliger Selbstkontrolle. Und? Hat das die Tat von Emsdetten verhindert? Und überhaupt: Dass die Jugendlichen so erschreckend leicht an Waffen kamen, ist doch der eigentliche Skandal. Außerdem muss man doch die gesamte Lebenssituation der Jugendlichen sehen, die beide isoliert lebten.

Die Antwort: Dass Computerspiele möglicherweise zur Verrohung unserer Jugend beitragen, streitet niemand ab, schwarze Mäntel tun das nicht. Wenn Spiele wie das fragliche Counterstrike noch im Handel sind, dann beweist das letztlich nur, dass die Selbstkontrolle der Industrie versagt. Und jetzt kommt das unsinnigste Argument: Wir haben nämlich die strengen Waffengesetze, weil Waffen gefährlich sein können. Es befinden sich etliche Feuerwaffen in Privatbesitz – auch in Deutschland. Die meisten finden nicht bei Amokläufen Verwendung. Das Waffenverbot gibt es nur, weil die Möglichkeit besteht, damit Menschen zu töten.

Das ist mein Argument für ein Verbot von gewaltverherrlichenden Spielen: Es besteht die Möglichkeit, dass sie den Jugendlichen schaden. Die Forderung nach einem Beweis für die Gefahr, die von Gewalt- und Ballerspielen ausgeht, stellt eine Umkehr der Beweislast zugunsten der Industrie dar. Vielleicht lässt sich dieser Beweis auch aus Emsdetten nicht antreten, aber es spricht nicht die kleinste Kleinigkeit gegen ein Verbot von Ego-Shootern. Wenn all die liberalen Gutmenschen, die sich jetzt zu Wort melden, für Lebensumstände gesorgt haben, in denen alle Jugendlichen seelisch und sozial gefestigt solchen Frontalangriffen auf den guten Geschmack gegenübertreten können, dann kann man die Spiele wieder erlauben.

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