Wie hat sich doch die Welt verändert: Die Rapper werden weiß, die Golfer schwarz, die besten Segler kommen aus der Schweiz und Heino ruft zu bürgerlichem Ungehorsam auf: Die Fernsehgebühren sollen wir boykottieren, weil das ZDF die lustigen Musikanten einstellen will. Das berichtet das Musikportal laut.de. Da müssen sich Musikfreunde meiner Generation fragen, ob wir wirklich alles versucht haben, um die Rockpalastnächte zu verteidigen. Ich sehe schon die ersten Dirndl-Demos mit strammen Madln mittleren Alters und Gaudiburschen in Krachledernen.
Kategorie: Feuillton
Kultur, Musik, Film, Literatur, Zeitgeist
Buch-Tipp: William Boyd – Ruhelos
1976. Es ist ein langer, heißer Sommer. Ruth Gilmartin fährt aufs Land zu Besuch zu ihrer Mutter. Deren Verhalten bereitet der Tochter große Sorge. Sie öffnet die Tür nur nach vereinbarten Klingelzeichen. Ständig behält die alte Dame den nahen Waldrand im Auge, und obwohl sie vollkommen gesund ist, verlässt sie das Haus nur im Rollstuhl. Schließlich eröffnet Sally Gilmartin ihrer Tochter, dass sie in Wirklichkeit Eva Delektorskaja heißt, dass sie als russische Exilantin vor dem Krieg in Paris gelebt hat und dort für den britischen Geheimdienst angeworben worden ist. William Boyds Roman „Ruhelos“ bricht mit allen Gewohnheiten des Agententhrillers und bleibt dennoch spannend bis zur letzten Seite. Stück für Stück erfährt der Leser die Lebensgeschichte der Eva Delektorskaja: Der Mann, der sie angeworben hat, Lucas Romer, erweist sich als ebenso charmant wie undurchsichtig und langsam wird klar, dass ein gefährliches Geheimnis aus vergangenen Zeiten seine Schatten bis in die Gegenwart wirft. Bis in Ruths Leben. Auch dort scheinen plötzlich nicht mehr alle Menschen dass zu sein, was sie vorgeben.
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Schnee in Texas
Kann es in Texas schneien? Sonne, Staub, Tequila, das gehört zu Texas. Wenn ein Texaner sagt, es schneie in seinem Herzen, dann muss es schlimm um ihn stehen. Salim Nourallah, Singer-Songwriter aus Texas, hat seine neue CD so genannt, „Snowing in my Heart“. Und die Titelauswahl gibt das Programm vor. Ein verzweifelter Nourallah schreit flehend „Hang On“. Und obgleich er den Hörer gleich im zweiten Song besänftigt, es bestehe kein Grund, „So Down“ zu sein: Auf „Snowing In My Heart“ – seiner insgesamt dritten Solo-CD – kostet Salim Nourallah eher die melancholische Seite seines Talents aus. Das engt die Aussage etwas ein, gegenüber dem famosen Vorgänger „Beautiful Noise“, der durchaus seine lebensfrohen Momente besaß. Beim ersten Hören wirkt die neue CD fast ein wenig unscheinbar. Salim Nourallah spielt weniger mit verschiedenen Sounds, er weiß diesmal schon vorher, was sagen will und dosiert die Mittel sparsam. Nach wie vor liegen seine Wurzeln im Werk der Beatles, aber nun hat der eigenwillige Texaner eine neue Ebene im Schreiben von Popmusik erreicht. Salim Nourallah sucht den Vergleich mit Songschreiber-Giganten wie Elvis Costello, Andy Partridge (XTC) oder Jarvis Cocker (Pulp). Seine Melodien sind vielleicht ein wenig sperriger geworden, aber einen solchen Reichtum an subtilen harmonischen Schattierungen bieten wenige Pop-Platten. Die Ballade „I Miss You“ mag als Beispiel dienen. Da enttäuscht Salim Nourallah alle vorausgeahnten Akkordfolgen. Dafür findet er neue, die noch nicht abgegriffen sind. „Snowing In My Heart“, der Titelsong ist sogar fast zu episch für ein Pop-Album. Das ist eine Mini-Oper. Machen wir’s kurz: Als musikalischer Begleiter im Auto mag das 2005er Album „Beautiful Noise“ geeigneter sein, ansonsten hat sich ein ohnehin herausragender Popkünstler auf „Snowing In My Heart“ selbst übertroffen. Es braucht allerdings ein wenig Zeit, das zu entdecken. Geben Sie Salim Nourallah diese Zeit, und er entführt Sie auf einen Trip durch eine melancholische Pop-Wunderwelt, in der einfach alles passieren kann.
Wolff von Rechenberg
Salim Nourallah: Snowing In My Heart, tapete records TR105
Weiterlesen: Nie wieder Denton, Texas
documenta-Pause
Mit dem Foto vom Aue-Pavillon geht mein documenta-Tagebuch in eine Pause. Die weiteren Ausstellungsorte, Neue Galerie und Schloss Wilhelmshöhe, muss ich erst noch aufsuchen. Vielen Dank an alle, die mir so fleißig durch die heiligen Hallen gefolgt sind.
documenta 12: Aue Pavillon

Der Aue-Pavillon im normalen Flutungszustand. Ein Ordner wimmelt die ersten japanischen Touristen ab, die Einlass begehren. Ein Pariser Architekturbüro hatte den Pavillon geplant. Aber eigentlich sollte er nur aus einem Plexiglasdach und offenen Wänden bestehen. Klar, dass man keine unersetzlichen Kunstwerke in einem so offenen Gebäude zu präsentieren. Warum Roger M. Buergel überhaupt auf die Idee verfallen war, ein solches Gebilde errichten zu lassen, zählt zu den Geheimnissen dieser documenta. Dann kam eins zum anderen: Nachdem man Wände errichtet hatte, stellte man fest, dass es da drin heiß wie in einem Backofen sein würde. Also kamen Vorhänge hinzu. Die Architekten distanzierten sich von ihrem Pavillon. Und der steht nun da, mal unter Wasser, mal in der sengenden Sonne, gegen die die Klimaanlage kaum ankommt.