Kategorie: Ansichtssache

Die Welt aus meiner Sicht

Notizen zu 2006

Ein verrücktes Jahr geht zu Ende. Ein Jahr, das die Frontverläufe in vielen Konflikten verändert hat.

Das offensichtlichste Beispiel ist die deutsche Politik. Die große Koalition könne einfach so durchregieren, hatten die Politologen orakelt. Und das stimmt, was die parlamentarische Opposition angeht. Die kleinen Drei reagieren auf alle Aktionen der großen Zwei schematisch: Die FDP fordert gebetsmühlenartig Steuersenkungen und die Abschaffung des Kündigungsschutzes. Die neue alte Linke hält mit abgedroschenen Arbeiterliedern dagegen. Besonders ärgerlich finde ich die Grünen: Da lassen ein paar deutsche Soldaten Dampf ab, posieren mit Totenschädeln und die Partei, die nach Fischers Abgang nur noch die von Ströbele ist, fordert reflexartig den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Da wird ein brutaler Diktator hingerichtet, und die Grünen reagieren angewidert, weil sie finden: „Du, die Todesstrafe ist per se Scheiße!“
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Living in a Pod

Das Emirat Dubai ist eine Sandkiste am Meer. Eine Sandkiste für verwöhnte, reiche Leute. Da baut man dann gerade mal eben ein Wohnhaus in Form von Apples kultigem MP3-Player iPod. Wie Heise.de berichtet, soll das Haus um sechs Grad geneigt gebaut werden, wie ein iPod in der Dockingstation. Die Einwohner Dubais können froh sein, dass Apple keine Vibratoren herstellt.

Phänomene des Alltags: Die Crema

Für unsere Großeltern war er das höchste der Gefühle: der Bohnenkaffee. Dann gab es solchen und solchen Kaffee. Wollte die Hausfrau von der Familie nicht verstoßen werden, dann hatte sie das Verwöhnaroma zu kredenzen. Jeder andere Kaffee führte zum sofortigen Entzug jeder Zuneigung und zu Verbannung von Haus und Hof sowie zum Austausch gegen eine bessere Mutti, die den richtigen Kaffee kauft. Frau Sommer aus der Jacobs-Werbung war keineswegs der gute Engel, sondern ebenso das Damoklesschwert über dem Haupt der Hausfrau.

Im neuen Jahrtausend treten wir ein in eine neue Art des Kaffeekonsums. Der virulenten Verbreitung der Single-Haushalte entspricht die Senseo-Kaffeemaschine. Wie kläglich sähen die zwei kleinen Tässchen, die so eine Maschine kocht, wohl unter Muttis voluminöser Kaffeemütze aus? Dafür muss der Kaffee jetzt aber echt etwas Besonderes sein. Wenn wir schon Singles sind, tendenziell depressiv, abhängig von Fernseher und Fitness-Studio, dann muss es sich doch wenigstens lohnen. Wenn wir schon kürzer leben als Verheiratete, dann wollen wir in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, um der Konsumgüterindustrie zu dienen, dann wollen wir in dieser Zeit wenigstens guten Kaffee trinken.

Aber was ist guter Kaffee? Geschmack? Nein, das ist ausgereizt. Man muss es sehen können. Nur deshalb setzen jetzt in Werbespots junge Männer die Tasse – Entschuldigung – das Tässchen ab, den Blick seelig-verklärt wie nach einem guten Joint und mit fingerdickem Schaum auf der Oberlippe. Die Crema muss es sein. Als Qualitätsmerkmal sticht sie jedes Aroma aus. Für das Aroma muss man den Kaffee probieren, die Crema bedeckt das Gesicht so deutlich und schaumstarrend wie ein guter Rasierschaum.

Vorbild ist ein Nahrungsmittel, aus dem mittlerweileder Schaum fast völlig verschwunden ist: das Pils. Da wischten sich früher in den Reklamefilmen markige Männer mit dem Handrücken den Schaum vom Mund. Manche Brauereien rühten sogar Formaldehyd ins Bier, damit die Blume richtig steht. Das hat sich seit Corona, Desperados und Binding Lager geändert. Seitdem stört es nicht weiter, wenn Bier im Glas aussieht, wie Eigenurintherapie. Mit all ihrem Know How in der Lebensmittelkosmetik sollten vielleicht die Brauereien ins Kaffeegeschäft einsteigen.

Fisch Adieu!

„Wir haben ein gutes Ergebnis erzielt.“ So kommentiert der deutsche Agrar-Staatssekretär Gert Lindemann laut Tagesschau die neuen Fangquoten, die die Europäische Union heute für Kabeljau festgelegt hat. Die positive Stimmung trübt nur der Kabeljau selbst, der quasi unsichtbar mit am Tisch saß. Der Fisch hatte angekündigt, auf jeden Fall auszusterben, wenn er nicht ein paar Jahre ganz in Ruhe gelassen wird. Von dieser „Alles oder nichts“-Position hat sich die EU nicht unter Druck setzen lassen. Ein EU-Vertreter: „Na und? Dann fangen wir eben was anderes.“

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