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Telekom-Tagebuch3: 26. Oktober 2007

In der Zwischenzeit erreichte uns die düstere Andeutung, dass unser Home-Entertainment-Paket gesondert umgeschaltet werden müsse. Das geschieht unter einer 01805-Telefonnummer. Mehrwert- oder Premiumrufnummern heißen die übrigens im Sprachgebrauch des rosa Riesen. Mir ist schleierhaft, wo für mich der Mehrwert liegen soll, und nach Premium sind vielleicht die Preise, nicht jedoch der Service der T-Com. Nach der üblichen Bandabfragen-Odyssee meldete sich eine Stimme (männlich diesmal), die mir mitteilte, dass es keinerlei Anzeichen dafür gäbe, dass tatsächlich am morgigen Samstag ein Techniker bei uns erschiene. Schon gar nicht, um unser Internetfernsehen umzuschalten. Mit leicht schrillem Unterton teilte ich mit, dass uns aber bereits ein Besuch zugesichert worden sei. Da müsse er nochmal nachfragen. Der Rest war eine Pausenmusik. 11 Minuten harrte ich der Rückkehr des Telekommannes – zu 01805-Preisen. Dann gab ich auf. Dieser Umzug macht mich so arm wie die Stadt Berlin. Leider aber nicht so sexy.

Phaenomene des Alltags: Der Coffee to go

Ich bin im Fleisch ein Kind der Sechziger, im Geiste eines der Siebziger. Und in beiden Jahrzehnten hieß es, wenn man seinen Kaffee außerhalb geschlossener Räume genießen wollte: „Draußen nur Kännchen!“ Nicht nur im beschaulichen Bad Sooden-Allendorf, das mich unter seine Söhne zählen darf. Wehe dem, der sich, die Anweisungen des Thekenpersonals missachtend, mit der Tasse ins Sonnenlicht stehlen wollte. Die Kellnerinnen, damals pausbäckige zu allem entschlossene Gestalten, stellten sich ihm in den Weg wie Sumo-Ringerinnen.

Heute würde die Bestellung eines Kännchens Kaffee in den meisten Gebieten der zivilisierten Welt zu ratlosen Blicken bei den Kellnern führen, die heute lange Schürzen anhaben und nicht mehr im Parkcafé arbeiten, sondern bei Starbucks. Draußen nur Becher, würde man heute rufen. Ach was, draußen… In dem Café am Bahnhof Alexanderplatz, in dem ich für gewöhnlich vor dem Abstieg in die Untergrundbahn noch einen Kaffee zu trinken pflege, schenkt den Türkentrank grundsätzlich im Becher aus.

Einmal wandte ich ein, ich würde den Kaffee nicht mitnehmen, sondern hier drinnen trinken. Da bekam ich den Pappbecher ohne den charakteristischen Plastikdeckel, der an die Schnabeltassen erinnert, in denen in Seniorenheimen zuweilen das Abendessen gereicht wird. Der Coffee to go ist überall. In den U-Bahnen, auf den Bahnsteigen.

Er ist selbst dort, wo er noch nicht ist: am Hauptbahnhof in Brandenburg an der Havel. Dort hasten Menschen zu den Regionalzügen, die knisternde dünne Plastikbecherchen weit von sich strecken, damit der herausschwappende Kaffee nicht die Kleidung beschmutzt – wenigstens nicht die eigene.

Als Treibstoff unserer 24-Stunden-Gesellschaft ist der Kaffee schon öfter bezeichnet worden. Aber der Bedarf nach diesem Treibstoff scheint stetig zu steigen. In Berlin liegen im Schnitt gefühlte 50 Meter von einer Zapfstelle zur nächsten. Kaum zu glauben, dass sich in dieser Stadt auch noch Kaffeemaschinen in Privatbesitz befinden sollen. Aber, was beschwere ich mich. Zähle ich doch auch zu jenen, die sich jeden Morgen so dämmerig wie die Welt ringsum in die Metropole chauffieren zu lassen. Da geht nichts ohne Kaffee. Hallo!? Kann ich noch einen Coffee to go haben? Genau zum hier Trinken!

Chinas Schatten

Kennen Sie Baidu? Nein? Dann sind Sie in bester Gesellschaft. Bis zur Veröffentlichung der Suchmaschinenstatistiken des US-Martforschungsinstitutes ScoreCom für August 2007 werden wohl die wenigsten von uns den Namen der drittgrößten Internet-Suchmaschine vernommen haben. Baidu sucht chinesische Seiten, und Baidu sucht in chinesischer Sprache. Und: Baidu wirft einen langen Schatten. Einen Schatten der Veränderungen, auf die wir uns einstellen müssen.

Ein anderes Beispiel: Zwei chinesische Unternehmen bauen einen Mobilfunkmast in rund 6000 Metern Höhe am Mount Everest. Wenn 2008, zu den olympischen Sommerspielen das olympische Feuer nach Peking getragen wird, dann wird der Läufer auch den Mount Everest erklimmen. Nur zum Spaß. Nur um zu zeigen, dass die Volksrepublik es kann.

Und eines der Unternehmen, China Mobile, ist nicht nur der größte Mobilfunkanbieter in China, sondern der größte der Welt. 300 Millionen Kunden hat allein dieses Unternehmen. Zum Vergleich: Die Europäische Union verfügt über rund 450 Millionen Einwohner.
Da positioniert sich ein Land allmählich in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen für die Rolle, die ihm US-Präsident Richard Nixon schon vor über 30 Jahren militärisch zugestanden hat: die Rolle einer Supermacht.

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Telekom-Tagebuch2: 24. Oktober 2007

Nachdem die beste Ehefrau von allen sich nochmals beim T-Punkt in Brandenburg/Havel eingefunden hatte – ergebnislos – unternahm ich gestern nochmals eine fernmündliche Odyssee durch die Warteschleifen der Telekom. Allein gestern habe ich viermal versucht, mein Anliegen vorzutragen. Wir erinnern uns: Es geht für die Telekom um den Kraftakt, einen Telefon- und DSL-Anschluss über eine Strecke von 200 Metern Luftlinie umzumelden. Da stellt man sich gern mal taub. Zweimal kam ich durch. Beim ersten erfolgreichen Anruf versicherte mir eine überaus freundliche Mitarbeiterin, sie werde mal schauen, wie es mit meinem Auftrag stehe. Ich solle nur einen Moment in der Leitung bleiben. nach 17 Minuten konnte ich die Warteschleifenmusik nicht mehr hören und beendete das Gespräch. Beim zweiten erfolgreichen Anruf flötete mir ein anderes Wesen ins Ohr, es sei alles in bester Ordnung. Am Samstag zwischen 8 und 10 werde der Techniker kommen. Ich bat um schriftliche Bestätigung. Solange ich die nicht habe, glaube ich, dass der Techniker bei uns am Samstagmorgen zwischen 8 und 10 mit der gleichen Wahrscheinlichkeit erscheinen wird wie der Messias. Aber wie heißt es doch? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ein bisschen Linux gehört in jedes Ding

Warum gibt es Linux? Keiner, der es herstellt, darf damit auch nur einen müden Euro verdienen. Das Betriebssystem dümpelt in der Beliebtheit bei normalen Computerusern seit Jahren bei Marktanteilen herum, die in der Medizin als homöopathisch gelten. Warum Linux? Weil ein paar bleiche Nerds mit Brillengläsern von der Stärke von Colaflaschenböden gern vor dem Bildschirm sitzen und kryptische Befehle auf der Kommandozeile tippen? Das trifft vielleicht auf die erste Generation von Linux-Usern zu.
Einen großen Teil der Reize des freien Betriebssystems erklärt home42 in seiner umfangreichen und lesenswerten Hommage an sein Linux. Sie hat diesen Artikel inspiriert.
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