Xavier Naidoo jammert vor dem Anpfiff als ob die deutsche nationalelf nicht nur verloren hätte, sondern geschlossen Selbstmord begangen hätte. Xavier Naidoo ist schlimmer als ein 7:0 für Italien.
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Selbstbedienung im Schatten der WM
Wenigstens zeigen unsere Regierenden Verständnis für den allgemeinen Missmut über die … Na gut, nennen wir sie „Gesundheitsreform“. Man muss sich das vorstellen. Kanzlerin Angela Merkel sagt uns: „Du, sorry, dass du das jetzt alles bezahlen musst. Mehr war einfach nicht drin, ohne dass meine Parteifreunde ihre Aufsichtsratsposten in der Pharmaindustrie und in der Versicherungswirtschaft verlieren.“ Die SPD verkauft uns mit stolzgeschwellter Brust als durchschlagenden Erfolg, dass Not leidende Gepiercte jetzt ihre Arztrechnungen selbst bezahlen sollen. Das gewährt tiefen Einblick in den Zustand unserer Parteiendemokratie. Anstelle einer schlagkräftigen Opposition blasen nun Provinzfürsten – hochgerüstet im Dauerwahlkampf – zum Sturm auf die Bundesregierung, oder die namenlosen Apparatschiks und Lobbywühler in den Parteiapparaten.
Letztere sind die Gewinner der Gesundheitsreform: Die Krankenkassen haben immer noch keine breitere Beitragsbasis, die Apothekenpflicht und die Preisbindung für Arzneimitteln ist immer noch nicht gefallen. Das Gesundheitssystem ist immer noch der alte Selbstbedienungsladen, in dem jeder dem immer schmaler werdenden Häuflein der Beitragszahler in die Tasche greift. Deren Zahl wird weiter schrumpfen: So will der Staat in Zukunft die Krankenkasse für Kinder aus Steuern bezahlen. Das bekommen wir verkauft als den Übergang zu einem Gesundheitssystem, das dann endlich alle zur Kasse bittet. Dabei vergessen Kurt Beck und Co., uns darüber aufzuklären, dass der Staat auch für die Kinder von Privatversicherten aufkommt. Die Beitragsfreiheit für Kinder war immer ein entscheidender Wettbewerbsvorteil der Gesetzlichen Kassen vor den Privaten. Das ist nun dahin.
Verständlich, dass sich unsere politische Klasse bemüht, diese … vergessen Sie’s: Dieses Wort kommt mir nicht über die Lippen … noch vor Ende der Fußball-WM über die Bühne zu bringen. Das gibt einen bösen Kater, wenn wir siegestrunken oder deprimiert aus dem FIFA-WM-Stadion Deutschland wanken.
Verräter und Saboteure gesucht
Da streckt sich Microsoft so heftig, um endlich mit der MSN-Internetsuche zum Marktführer Google aufzuschließen und dann das: Der amerikanische Student Andrew Hitchcock (20) behauptet, nicht einmal die Microsoft-Mitarbeiter benutzten das hauseigene Suchportal. Er will bei der Besucheranalyse seiner Homepage festgestellt haben, dass 80 Prozent der Besucher mit einer Microsoft-Domain über die Google-Suche zu ihm fanden. Mehr Vertrauen in das eigene Produkt hatten die Google-Mitarbeiter: Alle kamen über die Google-Suche zu Hitchcock. Das wird wohl disziplinarische Nachspiele im Redmonder Hauptquartier haben. Leider verheimlicht das Technik-Portal Xonio, das diese Meldung Vorgestern veröffentlicht hat, die fragliche Internetadresse.
Die Fahne hängt im Wind
Der neue deutsche Patriotismus, ist er gut? Das Winkelemente schwenken? Die Autokorsos? Die Medien meinen: Im Grunde, Ja! Endlich können auch die Deutschen ganz unbeschwert und in den Landesfarben eine gepflegte Party feiern und verblüffen dadurch nebenbei die ganze Welt. Dieser Meinung schließt sich in der Blogosphäre zum Beispiel auch Senf dazu! an. Andere Blogger weisen auf die Schattenseiten hin (kleinegoettin zum Beispiel), oder ihnen kommt im ganzen Fahnengeschwenke das einzige abhanden, auf das sie in Deutschland stolz waren: Dass der Deutsche nämlich eigentlich keine Fahne schwenkt (s.: Frog Blog). Während des gerade angepfiffenen Achtelfinales gegen Schweden liegt eine gespannte Ruhe über unserem kuscheligen Gemeinwesen – und die Fahnen hängen im Wind.
Meine Meinung: Ich weiß gar nicht, ob der neue Patriotismus nicht gewaltig übertrieben ist. Ich könnte keine Deutschlandflagge hinaus hängen, ohne von den Nachbarn gelyncht zu werden. Und wenn ich den Wunsch äußere, nach einem Sieg unserer Elf im Autokorso mitzufahren, erklären mich selbst die Söhne meiner Freundin für pupertär.
Ich glaube, dass die südländische Feierstimmung an das „Ja“ zu Schwarz-Rot-Gold geknüpft ist. Haben wir nicht lange genug miesepetrig in unseren Wohnzimmern gesessen und neidvoll den Türken, Italienern, Franzosen, Spaniern, ja selbst den Schweizern beim ausgelassenen Feiern zugeguckt? Kompensiert haben wir das indem wir vornehm gesagt haben: „Wir sind da schon rausgewachsen.“ Aber damals gab es noch bis zum Tode 60 Prozent vom letzten Nettolohn und Zahnersatz auf Krankenschein. Und wir wussten: Wir sind was Besseres. Das ist Nationalismus, liebe Alt-68er!
Jetzt gibt es nicht einmal mehr den Krankenschein, unser Schulsystem – so erfahren wir täglich – ist keineswegs besser als das in Italien, Frankreich oder England, das Pro-Kopf-Einkommen stieg in Frankreich im vergangenen Jahr doppelt so stark wie in Deutschland, und unser Musterländle ist ein Sanierungsfall. Aber wir haben die Welt zu Gast, und mit Überraschung stellen wir fest, dass wir bessere, freundlichere und begeisterungsfähigere Gastgeber sind als wir selbst es je für möglich gehalten haben.
Ich glaube, dass dieser neue Patriotismus auch aus dem unbestimmten Gefühl herrührt, Im Zentrum von etwas Großartigem zu stehen, an dem die ganze Welt teilnimmt. Und zu dieser Atmosphäre tragen in der Tat wir alle bei. Dabei haben wir gänzlich unbemerkt etwas historisch Bedeutsames geschafft: Wir haben den Rechten Schwarz-Rot-Gold entrissen. Denen bleibt nur noch die Reichskriegsflagge, und die können sie behalten.
Pasta ohne Pups
Michael Ballack stürmt vor, umspielt zwei, drei gegnerische Mittelfeldler, stoppt, holt aus zum präzisen Pass auf Kloses Föhnwelle, da passiert es: Dem Gesäß des Superstars entweicht ein Pups, der Darm drückt, die Flanke geht – nun ja – in die Hose. Wer Weltmeister wird, entscheidet sich – auch – in der Küche. Denn nicht nur die Schweden, sondern auch die Flatulenzen können den deutschen Kickern im heutigen Achtelfinale Probleme bereiten. Der Italiener Saverio Pugliese bekocht die deutsche Nationalelf. Er pellt sogar die Tomaten, damit alle Energie in Schenkel und Wade strömen kann. Schließlich hat der Fußballer besseres zu tun als rote Zellulose zu verdauen. Der Stern hat dem Überläufer aus dem Land der Pasta ein schönes publizistisches Denkmal gesetzt.