Dieses Tagebuch befindet sich bis zum kommenden Wochenende mit seinem Besitzer im Urlaub. In diesem Fall drohte die Kontaktaufnahme schon an der franzoesischen Tastatur zu scheitern, die man in Belgien allerorten antrifft.
Autor: Wolff von Rechenberg
Designed for Suse
IBM und HP hatten schon früher auf Wunsch ihren Computern Suse- beziehungsweise Ubuntu-Linux beigelegt. Computer mit vorinstalliertem freiem Betriebssystem gab es bisher nur hier und da testweise, ansonsten nur bei kleinen spezialisierten Versendern. Jetzt liefert Lenovo Think Pads mit vorinstalliertem Suse aus. Immerhin der drittgrößte Computeranbieter der Welt. Daraus einen Durchbruch für Linux abzuleiten, griffe zu weit. Doch ein Schritt in einer heimlichen Revolution ist das durchaus. Diese heimliche Revolution auf den Bildschirmen wird vor allem durch die Computer in öffentlichen Verwaltungen, in Schulen und Universitäten weltweit vorangetrieben. Hier verbreitet sich Linux am schnellsten, und hier schließen die meisten Menschen letztlich Freundschaft mit dem PC – und „ihrem“ Betriebssystem. Dabei müssen wir im Hinterkopf behalten, dass abgesehen von ein paar großen kommerziellen Software-Unternehmen (Red Hat und Novell/Suse) keiner Werbung für Linux macht. Nirgendwo laufen Werbespots, nur in ein paar speziellen Printmagazinen erscheinen großformatige Anzeigen. Dennoch versuchen immer mehr PC-Magazine mit Linux-Sonderausgaben Kompetenz auf diesem Feld zu beweisen. Der Erfolg von Linux – so gering er sein mag – ist kein Erfolg der Industrie, die uns etwas herunterwürgen will, das erstmal keiner nachfragt. Er kommt von Unten. Die User interessieren sich für Linux, die Industrie macht – noch – lediglich zögerliche Angebote. Unabhängig von allen Vorbehalten gegen Windows, derentwegen ich Linux verwende, erscheint mir das als das sympatischste am – noch – heimlichen Aufstieg von Linux.
Mao im VW-Werk
Erinnern Sie sich noch an Mao Tse Tung? Jeder Student – Pardon! Studierende im kommunistischen China – musste für eine gewisse Zeit aufs Feld oder in die Montage. Und auch im weiteren Berufsleben musste der feingliedrige Aparatschik aus dem Büro immer mal wieder die bleichen Gebeine bei Feldarbeit bräunen oder am Hochofen schwärzen lassen. Recht so! Das hat sich jetzt der Werkleiter des Volkswagenwerks in Baunatal bei Kassel, Dr. Hans-Helmut Becker, gedacht. Im September sollen alle 1400 Angestellten des Werkes für je eine Woche ans Band, heißt es in einer heute verbreiteten Pressemitteilung aus dem Werk. So seien allein im Getriebebau 200 Arbeitsplätze für die Schreibtischtäter und -täterinnen reserviert. Neue Ideen sollen sie mitbringen, wenn sie am Ende verschwitzt aus der Halle wanken, und seelig in ihre Bürostühle sinken. Und jetzt kommt’s: Führungskräfte und Werkmanagement werden sich nicht drücken. Na dann, die Ärmel hoch gekrempelt, Dr. Becker. Hintergrund ist natürlich die anhaltende Kritik an mangelnder Abstimmung, die die Fertigungszeiten beim größten Autobauer der Welt unnötig verzögert.
Das Ende des Krieges in Uniform
In einer kämpferischen Rede hat Britanniens Premier Tony Blair die Nation wachzurütteln versucht: Iran und Syrien müssen ihre Unterstützung für den Terrorismus einstellen, oder es setzt was. Was? Das teilte Blair im einzelnen nicht mit. Die Welt sei konfrontiert mit einer neuen Art des Krieges. Davor haben Fachleute schon gewarnt als 1982 die Hibollah im Libanon auftauchte. Diese Terroristen trachteten nur nach Blutvergießen und Unruhe. Zum Beispiel im Irak. Man möchte ergänzen: Überall dort, wo ein übermächtiger Gegner eine staatliche Ordnungsmacht zerschlagen hat oder erst keine entstehen lässt. Das ist der Fall im Irak, in den Palästinensergebieten und im Libanon. Syriens größter Beitrag zu einer starken Hisbollah besteht darin, dass es keine schlagkräftige libanesische Armee zugelassen hat. In den Irak haben nicht die Ayatollahs das Chaos einkehren lassen, sondern die Koalition der Willigen.
Womit wollen wir Syrien oder Iran drohen? Krieg? Wir erleben gerade erst wieder, wie sich eine haushoch überlegene israelische Armee gegen eine Guerillatruppe blamiert, die mit russischen Raketen aus dem Zweiten Weltkrieg einen Krieg begonnen hat, die sich weigert anständige Uniformen zu tragen, ihre militärischen Einrichtungen als solche zu kennzeichnen und sich nach den Regeln des Kriegsrechts massakrieren zu lassen. Wenn die Israelis – vielleicht in zwanzig Jahren – wieder aus dem Libanon abziehen, dann ist die Hisbollah noch da. Das ist heute sicherer als vor den Bombenangriffen der Israelis. Es fällt leicht, gute Ideen zu haben, wenn man nicht dauernd Katjuscha-Raketen auf den Kopf bekommt. Aber die richtige Lösung wäre gewesen, gemeinsam mit der libanesischen Regierung ein Konzept zur Entwaffnung der Hisbollah zu entwickeln. Das hat Israel nicht getan, und deren Chef Nasrallah wird mindestens fünf Dankgebete dorthin schicken, wo ein solcher Verbrecher gehört zu werden meint.
Blair und Bush können aus dem Irak und aus dem Libanon folgende Lehren mitnehmen:
1. Eine Ordnung ist eine Ordnung, auch wenn sie nicht nach den Prinzipien der amerikanischen Methodisten funktioniert. Selbst ein Unrechtsregime ist der Bevölkerung manchmal lieber als die Gefahr, wahllos auf der Straße abgeschlachtet zu werden.
2. Gegen einen Soldaten in Zivil funktionieren keine Nachtsichtgeräte, keine Satellitenaufklärung und keine intelligenten Waffen. Gegen einen Soldaten in Zivil ist der in der Uniform immer die dümmste Waffe.
Gemeinnütziges WLAN in Boston
Nicht ein Großkonzern soll flächendeckendes WLAN in der US-Metropole Boston finanzieren, sondern Spenden oder Kredite. So will es laut heise.de eine Expertenkommission. Wird das Modell umgesetzt und bewährt es sich gegenüber den kommerziellen WLan-Monopolen, die andernorts entstehen, dann markiert das eine kleine Revolution in unserem wirtschaftlichen Denken. In einem gemeinnützigen WLAN übt die Stadt Kritik am Gedanken, dass der Markt – repräsentiert durch die Telekommunikationskonzerne – gute Dienstleistungen zu günstigen Preisen garantiert. Allein für diesen Gedanken werden in Afrika, Asien und Südamerika ganze Staaten drakonisch abgestraft. Wenn ein gemeinnütziges WLAN in Boston Erfolg hat, dann wird man bald auch in London ungestraft behaupten können, dass das Wasser nicht schlechter und teurer sein könnte, wenn statt Thames Waters der Staat am Hahn säße.