Kategorie: Feuillton

Kultur, Musik, Film, Literatur, Zeitgeist

Kopflos im Führerbunker

Gelegenheit macht Diebe und gute Schlagzeilen: „Endlich hat ein Hitler-Attentat geklappt“, zitiert die Netzzeitung Henryk M. Broder. Der zweite Besucher in Madame Tussaud’s Berliner Wachsfigurenkabinett hatte zuvor dem Diktator den Kopf abgerissen. Ob Adolf Hitler wieder seinen Platz im gemütlichen  Führerbunkermobiliar bei Madame Tussaud’s einnehmen wird, wenn er einen neuen Kopf bekommen hat, ist noch nicht klar.

Buchtipp: Stieg Larssons Krimi-Epos

verblendung.pngVerblendung – Verdammnis – Vergebung. Der schwedische Krimiautor Stieg Larsson arrangiert seine Romantrilogie nach Art eines Krimi-Epos mit einer Einführung, einem Hauptteil und der Katharsis am Ende. Weitere Romane werden nicht folgen, denn der Autor erlag 2004 einem Herzinfarkt. Das ist umso trauriger als sein Ermittlergespann Mikael Blomquist und Lisbeth Salander zu den ungewöhnlichsten Charakteren der Krimiliteratur zählen dürften. In Verblendung lernen wir die beiden kennen.

Blomquist ist in den Vierzigern, investigativer Journalist beim Polit-Magazin Millennium. Gerade ist er für einen Recherchefehler vor Gericht gelandet. Ansonsten pflegt er eine Affäre mit seiner verheirateten Jugendfreundin Erika Berger. In dieser Lage erreicht ihn ein Rechecheauftrag des Großindustriellen Henrik Vanger. Blomquist soll dessen Nichte Harriet finden, die vor Jahrzehnten spurlos verschwand. Auftritt: Lisbeth Salander. Mitte Zwanzig, entmündigt, angeblich psychisch krank. Sie unterstützt den Vierziger Blomquist bei seinen Recherchen. Weiterlesen

Ein Hauch von Wechsel

tal_der_woelfe.pngFrüher schlug er sich mit Nazis herum und mit finsteren indischen Thugs, heute ringt Harrison Ford alias Indiana Jones mit bösen Sowjets um das Geheimnis der Kristallschädel. Seinen besonderen Reiz teilt der berühmteste Archäologe der Filmgeschichte mit alten James-Bond-Filmen. Einfache Gut-Böse-Schemata machen das Denken überflüssig. Die schärfste Waffe der Vereinigten Staaten von Amerika um die Vorherrschaft auf dem Planeten ist nicht die Atombombe, sondern Hollywood. Das starke amerikanische Kino weist Übeltäterrollen analog denen in der amerikanischen Gesellschaft zu.

So begannen in den späten 1980er Jahren vor allem Lateinamerikaner die Russen als Filmfinsterlinge abzulösen. Es war die Zeit der Drogenkriege. Die Latinos behielten ihre Rolle als Bösewichter bis sie in den 1990er Jahren von den Muslimen abgelöst wurden. Die Feindbilder wechselten im Film wie in der Gesellschaft, die Amerikaner blieben, was sie immer waren: die Guten. Europäisches Kino mit seinen sehr viel weniger eindeutigen Schwarzweiß-Schemata hatte es schwer. Zu kompliziert für den Massengeschmack, nicht nur in den USA.

Szenenwechsel: Irak. Im US-Knast Abu-Ghuraib in Bagdad entnimmt ein jüdischer Arzt Gefangenen Organe und verscherbelt sie nach New York, London und Tel Aviv. Weiterlesen

Wenn die Doofen Bücher schreiben

Als wir Michelle erzählen, dass wir an einem Buch mit dem Titel Generation Doof schreiben, tritt ein Leuchten in ihre glasigen Augen. „Weissich“, meint sie und stößt kurz auf. „Hat mir Aamin schon erzählt. Musstich gleich lachen.“ Das freut uns natürlich, aber wir wollen nun doch wissen, warum sie das so lustig findet, „Na, ich fanden Titel so komisch“, erklärt sie. „Wie schreibtn ihr das? Doof wie blöd, oder so wie die Seife?“

generation_doof.pngWer gern über geistige Ausrutscher wie den von Michelle lacht, findet im fertigen Buch „Generation Doof“ viel Anlass zu Heiterkeit. Stefan Bonner und Anne Weiss berichten von Miss Märkisch-Oderland, die Polen in der Nordsee vermutet und von einem namentlich nicht genannten Jugendlichen, der nicht in der Lage ist, zu sagen, aus welchen Ländern die Staatschefs von England oder Amerika kommen, und nicht weiß, in welchem Land der Irak-Krieg stattgefunden hat.

In einer ebenso kurzweiligen wie lang gezogenen Freak-Show lassen Bonner und Weiss die Symptomträger einer verlorenen Generation an uns vorbei defilieren. Nach Jahrhunderten des Anstiegs beim durchschnittlichen Intelligenzquotienten, befinde sich dieser seit Ende der 1990er Jahre im Sinkflug. belehren die Autoren den Leser. Unwissenheit gilt der Generation Doof als Zierde und Hartz IV als erstrebenswertes Lebensziel. Die Gründe liegen auf der Hand: Viel zu laxe Erziehung und mieses Schulsystem. Das klingt nach dem Kulturpessimismus, den man von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) gewohnt ist, wenn es um die heutige Jugend geht.

Doch damit tut man den Autoren unrecht. Erstens urteilen sie nicht altklug über ihre Generation, und zweitens kommen sie zu überraschenden Erkenntnissen. So nehmen sie sich einer Klage an, der sich wohl viele Lehrer lautstark anschließen könnten. Dass nämlich die Schüler reihenweise Automarken mit allen technischen Details aufsagen können, an einfachen Englich-Vokabeln hingegen scheitern. Bonner und Weiss stellen klar: „Über ein solches Wissen [gemeint sind die Automarken, nicht die Englisch-Vokabeln] muss man verfügen, um in einer Gruppe hoffnungsfroher Jungproleten als Alphatierchen anerkannt zu werden, daraufhin die schärfste Schnitte abzuräumen und so für den Fortbestand der Art zu sorgen.“ Weiterlesen

Buchtipp: Der Mann, der niemals lebte

Ein Buch kann nichts für seinen Titel, schon gar nicht die deutsche Übersetzung. „Der Mann, der niemals lebte“ teilt dieses Schicksal. Ein grausamer deutscher Verlagsmensch verunstaltete den englischen Originaltitel „Body Of Lies“ zu etwas, das besser zu einem Groschenroman gepasst hätte. Dabei setzt David Ignatius in seinem Thriller die Ansprüche deutlich höher, sogar höher als die meisten Spionagethriller. Detailliert protokolliert er eine CIA-Aktion gegen ein Terrornetzwerk à la Al-Qaida.

Im Zentrum steht ein Toter, der den Terroristenanführer Süleyman davon überzeugen soll, dass der US-Geheimdienst sein Netzwerk unterwandert hat – was diesem natürlich real einfach nicht gelingen will. Ignatius erzählt, wie sich die geheimen Landesverteidiger die Leiche eines namenlosen Touristen aneignen, und die penible Vorbereitung der Aktion. Im Zentrum steht der CIA-Statthalter in Jordanien, Roger Ferris. Ferris spricht hervorragend Arabisch und sieht wie ein Araber aus. Aber im Innern ist er überzeugt, dass die Vereinigten Staaten sich mit eiserner Faust und allen Mitteln gegen muslimische Terroristen verteidigen müssen.

Erste Zweifel kommen dem Geheimagenten erst als er sich in die Entwicklungshelferin Alice verliebt, die in palästinensischen Flüchtlingslagern arbeitet. Sie tut das aus ganz ähnlichen Motiven aber mit anderen Mitteln: Sie will zeigen, dass nicht alle Amerikaner schlecht sind. Im gleichen Maß, in dem sie dem Gedenkengebäude von Ferris Schaden zufügt, bringt sie sich jedoch selbst in Gefahr. Davis Ignatius erzählt seine Geschichte wie man das von amerikanischer Thrillerliteratur gewohnt ist: geradlinig und schnörkellos. Sein Buch ist Lehrstück für jene, die noch an das Gute im Geheimdienst glauben, und Argumentationshilfe für jene, die der CIA schon immer alles zugetraut haben. Und es beschreibt die Motive der Geheimagenten. Soviel Wissen über das Wesen der Dunkelmänner vermittelt sonst nur John le Carré.

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