Kategorie: Ansichtssache

Die Welt aus meiner Sicht

Die Fahne hängt im Wind

Der neue deutsche Patriotismus, ist er gut? Das Winkelemente schwenken? Die Autokorsos? Die Medien meinen: Im Grunde, Ja! Endlich können auch die Deutschen ganz unbeschwert und in den Landesfarben eine gepflegte Party feiern und verblüffen dadurch nebenbei die ganze Welt. Dieser Meinung schließt sich in der Blogosphäre zum Beispiel auch Senf dazu! an. Andere Blogger weisen auf die Schattenseiten hin (kleinegoettin zum Beispiel), oder ihnen kommt im ganzen Fahnengeschwenke das einzige abhanden, auf das sie in Deutschland stolz waren: Dass der Deutsche nämlich eigentlich keine Fahne schwenkt (s.: Frog Blog). Während des gerade angepfiffenen Achtelfinales gegen Schweden liegt eine gespannte Ruhe über unserem kuscheligen Gemeinwesen – und die Fahnen hängen im Wind.

Meine Meinung: Ich weiß gar nicht, ob der neue Patriotismus nicht gewaltig übertrieben ist. Ich könnte keine Deutschlandflagge hinaus hängen, ohne von den Nachbarn gelyncht zu werden. Und wenn ich den Wunsch äußere, nach einem Sieg unserer Elf im Autokorso mitzufahren, erklären mich selbst die Söhne meiner Freundin für pupertär.

Ich glaube, dass die südländische Feierstimmung an das „Ja“ zu Schwarz-Rot-Gold geknüpft ist. Haben wir nicht lange genug miesepetrig in unseren Wohnzimmern gesessen und neidvoll den Türken, Italienern, Franzosen, Spaniern, ja selbst den Schweizern beim ausgelassenen Feiern zugeguckt? Kompensiert haben wir das indem wir vornehm gesagt haben: „Wir sind da schon rausgewachsen.“ Aber damals gab es noch bis zum Tode 60 Prozent vom letzten Nettolohn und Zahnersatz auf Krankenschein. Und wir wussten: Wir sind was Besseres. Das ist Nationalismus, liebe Alt-68er!

Jetzt gibt es nicht einmal mehr den Krankenschein, unser Schulsystem – so erfahren wir täglich – ist keineswegs besser als das in Italien, Frankreich oder England, das Pro-Kopf-Einkommen stieg in Frankreich im vergangenen Jahr doppelt so stark wie in Deutschland, und unser Musterländle ist ein Sanierungsfall. Aber wir haben die Welt zu Gast, und mit Überraschung stellen wir fest, dass wir bessere, freundlichere und begeisterungsfähigere Gastgeber sind als wir selbst es je für möglich gehalten haben.

Ich glaube, dass dieser neue Patriotismus auch aus dem unbestimmten Gefühl herrührt, Im Zentrum von etwas Großartigem zu stehen, an dem die ganze Welt teilnimmt. Und zu dieser Atmosphäre tragen in der Tat wir alle bei. Dabei haben wir gänzlich unbemerkt etwas historisch Bedeutsames geschafft: Wir haben den Rechten Schwarz-Rot-Gold entrissen. Denen bleibt nur noch die Reichskriegsflagge, und die können sie behalten.

Pasta ohne Pups

Michael Ballack stürmt vor, umspielt zwei, drei gegnerische Mittelfeldler, stoppt, holt aus zum präzisen Pass auf Kloses Föhnwelle, da passiert es: Dem Gesäß des Superstars entweicht ein Pups, der Darm drückt, die Flanke geht – nun ja – in die Hose. Wer Weltmeister wird, entscheidet sich – auch – in der Küche. Denn nicht nur die Schweden, sondern auch die Flatulenzen können den deutschen Kickern im heutigen Achtelfinale Probleme bereiten. Der Italiener Saverio Pugliese bekocht die deutsche Nationalelf. Er pellt sogar die Tomaten, damit alle Energie in Schenkel und Wade strömen kann. Schließlich hat der Fußballer besseres zu tun als rote Zellulose zu verdauen. Der Stern hat dem Überläufer aus dem Land der Pasta ein schönes publizistisches Denkmal gesetzt.

Stell‘ dir vor, es gibt Wal und keiner beißt rein

Japan sei nun einmal eine Nation der Walesser, begründet die japanische Regierung ihre jüngste Offensive gegen das internationale Walfangverbot. Dabei, so hieß es heute in einer Reportage im Deutschlandfunk, verzehrte jeder Japaner im vergangenen Jahr nur 30 Gramm Walfleisch – ein verdammt kleines Stückchen Sushi. Am Preis könne es nicht liegen, hieß es im Deutschlandfunk weiter, Muskelfleisch von Moby Dick kostet im Supermarkt heute kaum mehr als Rindfleisch. Der Grund: Japan hat in den vergangenen Jahren immer mehr Wale gejagt – zu wissenschaftlichen Zwecken – und deren Fleisch auf den Markt gebracht. Ein Vorgehen, das von der internationalen Walfangkommission ausdrücklich erwünscht wird. Doch die Japaner essen einfach kein Walfleisch. Jetzt will die Regierung gar eine Werbeoffensive starten, um die Landsleute wieder auf den Geschmack zu bringen.

Die Auseinandersetzung Japan gegen den Rest der Welt lässt sich also auf die Formel reduzieren: Nationalismus gegen Öko-Imperialismus.

Überleben dank Dörrobst

Sie sind Soldat und wollen nicht in den Kongo? Nichts einfacher als das: Schieben sich Dörrobst in den Anus. Genau das haben wir uns unter den „entwürdigenden Ritualen“ vorstellen, mit denen Unteroffiziere bei einer Falschirmjägereinheit der Bundeswehr „aufgenommen“ werden. Spiegel-Online schildert uns das sehr detailliert. Ein Oberstleutnant Christian von Platen soll laut Spiegel gesagt haben, der momentane Sachstand mache bereits deutlich, dass bei dem Aufnahmeritual für Unteroffiziere, „das gesunde Maß bei weitem überschritten wurde“. Was wäre das gesunde Maß? Frischobst statt Dörrobst? Es deute aber alles darauf hin, dass bei den obszönen Praktiken kein Zwang oder Gewalt ausgeübt wurde, sondern die Teilnehmer freiwillig handelten, soll der Offizier weiter ausgeführt haben. Nun ja, eh man auf einem Stück Seife ausrutscht…

Jedenfalls soll die betreffende Einheit nun nicht wie geplant im Kongo eingesetzt werden. Das rettet den Übeltätern vermutlich das Leben und bestraft die Untadeligen.

Zurück in die Kleinstaaterei

Die Koalition hat sich geeinigt: Die Föderalismusreform kommt. Das bedeutet: Keine bundesweite Anerkennung von Schulabschlüssen mehr, und über die rote Ampel fahren wird von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich teuer. Man fragt sich, warum Bismarck in zwei blutigen Kriegen das Reich einigen musste, wenn wir 150 Jahre später wieder zur Kleinstaaterei übergehen. Nicht wegen großer Anliegen, sondern wegen kleinlicher Wahlkampfrethorik von aufgeblasenen Provinzfürsten. Die Politik hat längst erkannt, dass die Probleme unserer Zeit nicht auf nationaler Ebene gelöst werden können, also probieren wir’s einfach mal auf subnationaler Ebene. Hoffentlich hält die Umwelt noch eine Weile durch, bis alle 16 Bundesländer das Kyoto-Protokell ratifiziert haben. Todesstrafe? Kein Problem! Die Bundesländer finden sicher noch einen Weg, auch in Verfassungsfragen Bundesrecht auszuhebeln. Aber wenigstens reden dafür die Bundesländer nicht mehr dazwischen, wenn die Bundesregierung den X-ten Anhang zur Straßenverkehrsordnung (Befestigung von Sitzgelegenheiten auf landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen) verabschieden will. Die Bundespolitik rückt ein Stück weiter weg vom Bürger und mit ihr die Vernunft.

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