Kategorie: Ansichtssache

Die Welt aus meiner Sicht

Der Mittelstand ein Robbenbaby?

Interessiert es Sie, warum die EU-Richtlinie für Softwarepatente gescheitert ist? Joachim Wuermeling, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, hat die Antwort: ,,Eine geistige Bewegung“, die ,,dem Freakbereich verbunden“ sei und sich mit dem „Antifaschismus im Internet“ vereint habe, hat „den Mittelstand irregeführt“!

Was ist der Mittelstand? Ein Kampfbegriff konservativer oder liberaler Politiker. Zunächst einmal ist er Mittelmaß. Das ist nichts Ehrenrühriges. Der Mittelstand hat sich eben angestrengt, hat es aber nie zu etwas Nennenswerterem gebracht als – naja – Mittelmaß. Sein Vorteil besteht darin, dass er nicht soviel Moneten hortet, nicht im Schwitzkasten gieriger Aktionäre steckt. Das macht ihn als Sympathieträger interessant. Wer hätte schon Sympathie für Siemens oder Daimler Chrysler?

Geschweige denn Mitleid. Denn wann immer Politiker vom Mittelstand sprechen, meinen sie etwas Ehrliches, Schützenswertes. Der Mittelstand ist das Robbenbaby der konservativen Politik, das den Betrachter mit den melancholischen Kuhaugen eines wackeren Bäckermeisters anschaut.

Der Mittelstand muss ständig geschützt werden. Von allein ist er nicht lebensfähig, das haben konservative Politiker ihrer eigenen Klientel so lange vorgebetet, bis diese es geglaubt hat. Jetzt fühlt sich der Mittelstand schon selbst wie der deutsche Auerhahn – irgendwie ausgestorben. Und die Politiker können als Beschützer des Mittelstandes die Früchte ihrer Arbeit einfahren. Dabei stehen unsere Volksvertreter eher auf den Lohnlisten der Großindustrie – der Erbfeind des Mittelstandes.

Auf jeden Fall kann man dem Mittelstand nicht böse sein. Nicht einmal, wenn er seine aufrechtesten Beschützer verrät und sich in die Arme von „geistigen Bewegungen aus dem Freakbereich“ wirft. Dieses von Dr. Wuermeling entworfene Szenario ist neu. Ein Schulterschluss zwischen Mittelstand und autonomen Bombenlegern und Öko-Freaks? Das hat es noch nicht gegeben. Ich mag mir das auch nicht recht vorstellen. Schuld daran sind die Freaks und Antifaschisten (kritischer Umgang mit Faschismus scheint Herrn Dr. Wuermeling nicht zu liegen). Sie haben den Mittelstand „irregeführt“. Und der Mittelstand? Der fällt auf langhaarige Freaks herein, die ihm sagen: „Ey, du, Sotwarepatente sind jetzt irgendwie ganz scheiße!“ Glauben Sie das?

Damit kommen wir zu dem, was konservative Politiker vom Mittelstand halten: Sie halten ihn für blöd. Naja vielleicht nicht ganz blöd. Sagen wir: Sie halten ihn nicht für klüger als sich selbst.

Tschernobiblis

Am Vorabend des Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, meldet Spiegel-Online Zwei Lecks in Biblis. Zwei Messleitungen im Reaktoroldie sollen leck gegangen sein. Ein Sicherheitsrisiko sei das aber nicht, und Radioaktivität sei auch nicht ausgetreten, meldet das hessische Umweltministerium. Warum beruhigen diese Worte eigentlich so wenig, wenn sie von einem CDU-Ministerium abgesondert werden?

Segen für das Kondom

Der Vatikan will HIV-Infizierten den Gebrauch von Kondomen gestatten. Das ist eine bahnbrechende Neuerung. Schließlich setzte noch Johannes Paul II. auf sexuelle Enthaltsamkeit zum Schutz vor Aids. Nun heißt es, der Vatikan arbeite an einem Papier zu diesem brisanten Thema. Die gläubigen Katholiken unter den HIV-Infizierten werden sich dennoch gedulden müssen: Um anzuerkennen, dass die Erde rund sei, hat der Heilige Stuhl runde fünf Jahrhunderte gebraucht.

Nie wieder Denton, Texas

Woher sollte ein Musiker wie Salim Nourallah kommen? Algerien? Falsch! Aus Alton im US-Bundesstaat Illinois, und dumme Sprüche über seinen Namen konnte er schon in der Schule nicht leiden. Damals in den frühen Siebzigern, in El Paso und in Denton, Texas, das er gehasst hat. Aber immerhin ist Salim damals zur Musik gekommen. Country? Wieder falsch! Salim Nourallahs musikalische Heimat ist Liverpool. Die Beatles haben den texanischen Jungen tief geprägt. Wer’s nicht glaubt, höre Nourallahs gerade erschienenes wunderschönes Album „Beautiful Noise“. „The Appartment“, der fünfte Song des Albums könnte durchaus eine John Lennon-Komposition sein, die aus Platzgründen nicht mehr auf das Weiße Album der Beatles gepasst hat. Spätestens an dieser Stelle wundern wir uns nicht mehr, wenn wir auf seiner Internetseite (www.salimnourallah.com) erfahren, dass eben dieses Weiße Album, die Lieblingsplatte des texanischen Songwriters ist. Aber auch andere Einflüsse kann er nicht verleugnen. Mindestens genauso viel steckt von den Smiths und The Cure („No Guarantee“, „All Waste The Days“) in „Beautiful Noise“. Und dann dieses vermaledeite Denton, Texas! Salim Nourallah hasst es nach eigenem Bekunden bis heute. Aber ausgerechnet in Songs wie dem als Single ausgekoppelten „The World Is Full Of People Who Want To Hurt You“ klingt genug amerikanische Weite durch, um den Song in die Schublade New Country einzusortieren. Im Songwriting hält „Beautiful Noise“ stets Weltklasseniveau, auch wenn das Mellotron manchmal ein wenig nervt. Wenn Sie mit Salim Nourallah in Urlaub fahren, werden Sie am Flughafen vorbeifahren, nur um die CD nicht abstellen zu müssen.

Flausen unter dem Goldhelm

Der Glaube soll es richten. Das meint Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Sie will mit den Kirchen einen Weg finden, Erziehung wieder stärker an christlichen Werten zu orientieren. Aber an welchen? Aufklärung und Verhütung verboten? Großartig! Millionen von Jugendlichen werden an den Klapperstorch glauben und sich mit Aids infizieren, weil Kardinal Lehmann die Kondomautomaten abhängen lässt. Wir dürfen gespannt sein, was unter dem gestrengen Haarkleid der früh vergreisten Ministerin noch alles gedeiht. Wenn es der Mutti der Nation in den Kram passt, lernen wir auch wieder, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat. Für religiös-fundamentalistische Äußerungen wie die unserer Familienministerin wäre der iranische Präsident Ahmadinedschad vor den UNO-Sicherheitsrat zitiert worden.

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