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Microsoft: Wieviel Hüter braucht der Wettbewerb?

899 Millionen Euro Strafe soll Microsoft zahlen. Rekord! Damit haben Europas Wettbewerbshüter den Vogel abgeschossen! In Dollar hört sich das noch eindrucksvoller an: 1,35 Milliarden US-Dollar! Da sich ein Wiedererstarken der US-Währung derzeit nicht abzeichnet, sollte Steve Ballmer lieber schnell das Scheckbuch zücken. Der Dollar spielt gegen ihn. Es geht um zu hohe Lizenzgebühren, die Microsoft von Softwareentwicklern verlangt haben soll. Vernachlässigen wir die Einzelheiten, die können Sie hier nachlesen. Es geht um eine alte Rechnung aus dem Jahr 2004. Aus einer Zeit, in der sich der Softwarekonzern auf dem Zenith seiner Macht befand. Ohne Windows ging damals nichts. Oder zumindest nahm man Alternativen wie Linux oder Apple damals noch nicht zur Kenntnis. Damals glaubte Microsoft, sich über alle Wettbewerbsrichtlinien hinweg setzen zu können.

Nicht nur Microsoft fragt angesichts der horrenden Summe: Ist das gerecht? Ist das nötig?Kein Zweifel: Verdient hat der Konzern die Bußgelder durch seine Allmachtsphantasien in der Vergangenheit allemal. Matt Asay stellt auf C-Net eine andere Frage: Ist das zielführend? Die EU-Kommission hat ein berechtigtes Interesse an gesundem Wettbewerb. Aber was haben die Millionenklagen bewirkt, die die Wettbewerbshüter im vergangenen Jahr gegen Microsoft gewannen? Sie haben zum Wettbewerb nichts beigetragen. Google braucht keine Wettbewerbshüter, um Microsoft im Internet zu deklassieren. Weiterlesen

Victor Klemperer 7: Als Jude in Deutschland

Der Niedergang von Recht und Ordnung betraf zunächst alle Bürger, Christen wie Juden. Gesetze wie das zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums weisen jedoch die Juden aus dem spärlichen Unterstand der verbliebenen Rechte schrittweise aus. Das „Gesetz für das deutsche Blut und die deutsche Ehre“, das Victor Klemperer am 17. September 1935 erwähnt, richtet sich nun als erstes allein gegen die jüdischen Mitbürger: Entziehung der Bürgerrechte, Verbot christlich-deutscher Dienstmädchen unter 45 Jahren. Klemperer schreibt, der Ekel mache ihn krank.

Das zweite Judengesetz, das er erwähnt, sichert allen entlassenen jüdischen Frontkämpfern die vollen Bezüge auf Lebenszeit zu. Da hat Victor Klemperer schon Erfahrung mit Theorie und Praxis nationalsozialistischen Rechts. Am 2. Dezember rätselt er, ob er in den Genuss dieser Regelung kommen wird. Er spielt immer wieder durch, was ihm die Behörden wohl auftischen werden, um ihm sein Gehalt nciht weiter zahlen zu müssen. Resigniert schließt er:

„Man braucht überhaupt nichts zu sagen, denn man ist ja niemandem Rechenschaft schuldig.“

Am 31. Dezember folgt schließlich die Gewissheit: Es handelte sich um einen „Schaufenster-Paragraphen für das Ausland“ (Klemperer, 31. Dezember, Dienstag Nachmittag, Silvester.) Daraus erfahren wir vor allem eines: Der Jude Victor Klemperer war sich seiner vollkommen rechtlosen Lage im nationalsozialistischen Deutschland absolut bewusst. Das Recht reiht sich hier in die Serie der Schikanen und Gefahren nahtlos ein.

Auch erfahren wir aus dieser Notiz, wie wichtig Hitler-Deutschland die Weltöffentlichkeit nahm. Das Nazi-Regime fürchtete nichts so sehr wie politische oder wirtschaftliche Sanktionen, wenn man zum offenen Angriff auf die Juden überging.

Ubuntu wird mobil

Für einen digitalen Vagabunden wie mich ist das wie Weihnachten: Das übernächste Ubuntu 8.10 (Intrepid Ibex) wird den mobilen Zugang zum Internet „über unterschiedliche Zugangsarten“ ermöglichen. Silicon.de überbringt uns die frohe Botschaft von Ubuntu-Mastermind Mark Shuttleworth. Das hört sich endlich nach GPRS oder UMTS ohne Verrenkungen an. Für Linux wäre das ein Durchbruch.

Vergiftetes Open Windows

Microsoft will beträchtliche Teile seiner Software Produkte offenlegen. Von einer Strategiewende spricht der Konzern selbst. Man wolle in Zukunft offene Standards akzeptieren und stärker auf die Bedürfnisse der Anwender Rücksicht nehmen. Die Ankündigung hat das Zeug zur Sensation, wenn es nicht bei der Ankündigung bleibt, meint unter anderem die Europäische Kommission. In Brüssel erinnert man sich an vier ähnlich lautende Ankündigungen der Redmonder, ohne dass den Worten taten gefolgt waren. Nüchtern nimmt es auch die Konkurrenz auf. Donatus Schmidt von Sun Microsystems Deutschland sagte der ORF-Futurezone, bisher sei nicht mehr offen gelegt als die EU-Kommission gefordert hätte.

Noch kritischer sollte die Open-Source-Bewegung die neue Offenheit im Hause Microsoft betrachten. Noch zum Jahreswechsel hatte Microsoft-Boss Steve Balmer gegen Linux gewettert. Das freie Betriebssystem verletze Hunderte von Microsoft-Patenten. Linux-Anwender mussten fürchten, in Handschellen abgeführt zu werden, wenn Balmers Büttel herausbekommen, dass der Pinguin auf dem heimischen PC Quartier bezogen hat.

Bisher war Microsoft nicht in der Lage, auch nur ein einziges Windows-Patent zu nennen, das von Linux verletzt wird. Das könnte sich nun ändern. Interoperabilität ist eine feine Sache. Wer aber vergisst, dass durch die 32.000 oder gar 60.000 Seiten Domumentation, die Microsoft ins Netz stellen will, aus Windows noch kein Open Windows wird. Wenn die Linux-Community nicht mächtig aufpasst, dann könnte sich die Charme-Offensive von Microsoft als vergiftet herausstellen. Dann wird im nächsten Jahr Balmer seinen Hasstiraden ein paar konkrete Patentverletzungen hinzufügen können.

„Erfahrungen muss man sammeln wie Pilze. Stück für Stück und mit dem Gefühl, dass sie nicht ganz geheuer sind.“ (John F. Kennedy)

Klemperer 6: Eintritt in die Rechtlosigkeit

Dass das neue Regime nichts Gutes für ihn bereit hält, spürt der Jude Victor Klemperer von Beginn an.

„Im nächsten Semester wird die Leere des Hörsaals noch gähnender werden. Man würgt immer mehr ab.“ (Klemperer, 21. Februar 1933, nachmittags)

So schreibt Klemperer am 21. Februar 1933 in sein Tagebuch. Ab dem 10. März beginnt er, um seine Stelle zu fürchten. Nicht zu unrecht, denn am 20. März erwähnt er Berufsverbote für jüdische Anwälte in Breslau. Wohlgemerkt: Dies alles vollzieht sich bevor sich im Reichstag die Hände zur Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz heben werden.

Am 10. April kommentiert Klemperer das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums:

„Diese entsetzliche Stimmung des ‚Hurra, ich lebe‘. Das neue Beamten-‚Gesetz‘ lässt mich als Frontkämpfer im Amt – wahrscheinlich wenigstens und vorläufig… Aber ringsum Hetze, Elend, zitternde Angst.“ (Klemperer, 10. April 1933)

Auch hier fällt auf, dass die eigentliche Ungeheuerlichkeit des Gesetzes, der pauschale Ausschluss aller „Nichtarier“ von der Beamtenlaufbahn, keine Erwähnung findet. Die Opfer, so könnte man schließen, haben sich in den neuen Staat ebenso schnell gefügt wie die Täter oder die Mitläufer.

Schilderungen von Ungerechtigkeiten (Pogrome, Boykotte) lassen allerdings ahnen, welche Angst im Reich geherrscht haben muss. Weiterlesen

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