Zum Tag der deutschen Sprache legte Horst Seidenfaden, Chefredakteur der norhessischen Tageszeitung HNA, die Latte hoch. Eine Ausgabe ohne Anglizismen versprach der Zeitungsmacher den HNA-Lesern in der Wochenendausgabe. Nicht ohne anzumerken, dass man erstaunt sein werde, wie sehr englischsprachige Ausdrücke in die deutsche Sprache eingewachsen sind. Darauf braucht der Leser nicht lange zu warten. Gleich auf der nächsten Seite lesen wir das Wort Online-Durchsuchung. Wie wäre es mit „Auflinie-Durchsuchung“? Natürlich ist das Blödsinn. Aber ebenso ungerecht ist die Angewohnheit vieler Zeitungsleser, ihre Zeitung einzig nach Einhaltung einer reindeutschen Sprachkultur zu überprüfen. Die Kollegen selbst achten darauf, möglichst wenige Leser von der Lektüre auszuschließen. Ich selbst erinnere mich an eine Begebenheit aus meiner Zeit als Jazzkritiker. Am Rande eines Jazzkonzerts fragte mich ein Besucher: „Wann bekomme ich denn endlich einmal eine Zeitung in Deutsch?“ Ich antwortete: „Ich kann Begriffe wie Belcanto oder Presto auch nicht mehr lesen. Warum schreibt man nicht Schöngesang oder Schnell?“
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documenta12: Jürgen Stollhans – Vorwärts auf der deutschen Märchenstraße

Siegesgewiss lächelt Altkanzler Gerhard Schröder von einem orangefarbenen Panzer, der aufwärts, direkt zum Himmel zu streben scheint. Ein Spruchband belehrt uns: „Von den Sozialdemokraten lernen heißt siegen lernen.“ Jürgen Stollhans befasst sich in „Vorwärts auf der deutschen Märchenstraße“ mit der Bildsprache der deutschen Sozialdemokratie. Der Titel der kleinen Installation spielt natürlich auf das Parteiorgan „Vorwärts“ an. Für den Medienkanzler ein Vehikel für eigene Graßmannsträume wie die gesamte Sozialdemokratie. Doch das ist nicht alles: Geht man um das Kunstwerk herum, sind alle Dinge nur Potemkische Dörfer. Da steht ein Dixi-Klo dahinter.
CD-Tipp: Stoibers Vermächtnis
Da will der Edmund Stoiber die Massen bewegen. Er ruft den Parteifreunden entgegen von der „Glodernden Lut“, bemerkt seinen Fehler und rettet sich rhetorisch ans Ufer der „Lodernden Flut“ – über einige Stationen, die allesamt auch keinen Sinn ergeben. Am 30. September ist nun Schluss mit solchen Bonmots des großen Vorsitzenden. Die Autoren Jürgen Roth, Hans Well und Gert Heidenreich setzen ihm gemeinsam mit den Biermösl Blosn auf der CD Stoibers Vermächtnis ein würdiges Denkmal. Und ein billiges, wenn man bedenkt, dass Stoibers Zitate zu den meistverlinkten im Internet gehören. Aber wer wollte im Kapitalismus über guten Geschäftssinn klagen?
Bye bye, Aurox

Die polnische Linux-Gemeinde betrauert Aurox. Wie Pro-Linux berichtet, hat die Firma COBA Solutions beschlossen, das bekannteste polnische Linux einzustellen. Die Firma hatte das Projekt erst im Dezember 2006 übernommen. Wer des Polnischen mächtig ist und dem auf Fedora-Linux basierenden Aurox kondolieren will kann sich in ein Lichtermeer einreihen. Einige Entwickler wollen unter dem Namen Jazz-Linux weitermachen.
documenta12: Churchill Madikida: Gipsmasken

Das Sterben an Aids steht im Mittelpunkt des Schaffens von Churchill Madikida. Der Südafrikaner stellt in der Neuen Galerie Särge und Kerzen auf. Er läuft damit aber auch Gefahr, sein eigenes Anliegen zu untergraben. Es gibt einen Unterschied zwischen einem gut gemachten Gruselfilm und einer Geisterbahn. Sehr viel subtiler wirken seine Gipsmasken. Wir kennen Gipsmasken vorwiegend als Totenmasken. Da sie die Gesichtszüge der Menschen genau abbilden, bekommt der Tod hier ein Gesicht. Sehr würdevoll und dramatisch zugleich.