Buch: Hoch auf Linux – Watsche für Ubuntu

Welches PC-Betriebssystem nach den Software-Kriegen unserer Tage übrig bleiben wird, das steht für Keith Curtis fest: Linux! Das schreibt Curtis in seinem Buch “After the Software Wars”, und das schreibt er obwohl er langjähriger Entwickler bei Microsoft war, dem Erbfeind der Open-Source-Gemeinde. Oder vielleicht gerade deswegen? Dass der Linux-Kernel dem Windows-Kernel prinzipiell überlegen ist, das wissen die Linux-Fans, und die Nerds werden auch begründen können, warum das so ist.

Keith Curtis erklärt die strukturellen Schwächen von Windows anhand von Grafiken so anschaulich, dass auch Nicht-Progrmmierer und Nicht-Hacker es im Grundsatz verstehen. Detailliert beschreibt Curtis die Arbeitsweise von Open-Source-Projekten, vermittelt einen Eindruck von der Zahl der Köpfe, die über dem Linux-Kernel grübeln oder die zahlreichen Anwendungen rund um Linux weiterentwickeln. Und allein daraus wird klar: Kein Softwarekonzern kann so ganzheitlich entwickeln wie es die Open-Source-Gemeinde tut.

Wenn ein Softwareunternehmen ein Programm auf den Markt bingt, werden höchstens kritische Fehler behoben. Aber nur der Linux-Kernel wird auch quasi rückwärts weiterentwickelt. Eine große Zahl von Entwicklern prüft das Betriebssystem ständig auf Schwachstellen, sucht ständig nach Detailverbesserungen. Der Erfolg: Der Linux-Kernel besteht nur aus einem Bruchteil der Codemenge des Windows-Kernels. Curtis’ Resümee klingt ebenso überraschend wie logisch: Die Überlegenheit von Linux und Freier Software beruht gleichermaßen auf Verschwendung wie auf Effizienz. Die Entwicklergemeinde kann es sich leisten, Arbeitskraft an Details zu “verschwenden”. Andererseits nutzt sie neue Entwicklungen effizienter als die kommerzielle Software-Branche.

Ideen tauschen wie Äpfel

Curtis zitiert das Apfelbild des Philosophen George Bernhard Shaw: “Wenn ich einen Apfel habe, und Sie haben einen Apfel, und wir tauschen die Äpfel. Dann hat jeder von uns immer noch einen Apfel. Wenn wir aber jeder eine Idee haben und unsere Ideen austauschen, dann hat jeder von uns zwei Ideen.” Damit gelangen wir direkt zur Urheberrechtsdebatte. Es spricht sehr für Keith Curtis, dass er hier simple Lösungen umgeht, dass er offen bekennt, wofür es noch keine schlüssigen Lösungen gibt.

Doch er wirft eine hochmoralische Frage auf: Wenn wir Brot hätten, die ganze Welt umsonst zu füttern, würden wir es tun? Nun, wir haben Software, mit der die ganze Welt kostenlos an der Informationsgesellschaft teilhaben könnte. Können wir sie ihr – der Welt – vorenthalten? Das Internet macht es möglich, diese Frage zu stellen, und das Internet macht es nötig, diese Frage zu beantworten.

Keith Curtis durchdenkt auch weniger bekannte Aspekte der Diskussion um freie Software. Während klassische Medien und proprietäre Software den Menschen zum Konsumenten degradieren, fordert freie Software zum Mitmachen auf. Das fördert das Selbstwertgefühl. Gerade in Schulen könnte der Einsatz von freier Software Wunder wirken, schreibt Curtis. Das Buch hat auch Schwächen.

Watsche für Ubuntu

So lobt Keith Curtis ja einerseits Wildwuchs und verschwenderischen Arbeitseinsatz im Linux-Lager. Andererseits watscht er Ubuntu-Linux ab. Ubuntu habe dem Debian-Projekt, auf dem es beruht, Manpower entzogen. Debian hätte heute noch viel besser sein können, wenn es Ubuntu nicht gäbe. Fehlt Linux also doch das Controling? Der Widerspruch zu allen anderen Kapiteln des Buches hätte Keith Curtis auffallen müssen. Das fügt dem schlüssigen, umfassenden Buch einen Kratzer zu.

“After the Software Wars” bietet Keith Curtis zum Download an.

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