Kategorie: Feuillton

Kultur, Musik, Film, Literatur, Zeitgeist

documenta12: Schloss Wilhelmshöhe

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Jetzt betreten wir die letzte Etappe des kleinen Rundgangs über die documenta12: Schloss Wilhelmshöhe. Hier hat Roger M. Burgel documenta-Kunstwerke zwischen den alten Meistern versteckt. Was hier nicht schreit oder sich bewegt, geht manchmal zwischen den holländischen Malern unter. Einigen wir uns darauf: Die Begegnung zwischen Tradition und Moderne, die der documenta-Chef im Sinn gehabt hat, lässt sich im Schloss Wilhelmshöhe am besten nachvollziehen.

documenta12: Nedko Solakov – Top Secret

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Ein Karteikasten mit 179 Beweisen für die Vergangenheit eines Menschen. Eine unangenehme Vergangenheit. Eine Vergangenheit mit Kontakten zur bulgarischen Gheimpolizei in der Zeit des Sozialismus. Doch nicht um die Stasi-Vergangenheit irgendeines imaginären Bulgaren geht es in „Top Secret“, sondern um die Vergangenheit des Schöpfers. Nedko Solakov hat sich in diesem Arrangement zu seiner Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst als junger Künstler bekannt. Ein brisanter Akt der Selbstentblößung während der Zeiten- und Systemwende 1989/90. Brisant auch deshalb, weil auch 18 Jahre nach dem Ende des Sozialismus die Geheimdienstakten immer noch unter Verschluss sind. Eine Aufarbeitung steht noch aus – und die Spitzelgeständnisse vieler Bulgaren.

documenta12: Eleanor Antin

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An Eleanor Antin werden sich die älteren unter uns noch erinnern. Wir haben sie schon am 27. Juni kennengelernt als wir ihre exotische Blutbank besuchten. Heute treffen wir sie im Keller der Neuen Galerie wieder. Das hat den Vorteil, dass man hier gerahmte Bilder in Ruhe betrachten kann, während man im Rest des Hauses an den Spiegelungen der Fenster vorbei schielen muss. Die vergilbten Fotografien lässt Eleanor Antin in mehreren Räumen auf Pappkameraden treffen. So ganz ohne Blut geht es aber auch hier nicht: In der ersten Installation – „Field Operation“ – stehen die Pappfiguren in einem Meer aus abgetrennten Gliedmaßen.

Tag der Sprache der Verlierer

Zum Tag der deutschen Sprache legte Horst Seidenfaden, Chefredakteur der norhessischen Tageszeitung HNA, die Latte hoch. Eine Ausgabe ohne Anglizismen versprach der Zeitungsmacher den HNA-Lesern in der Wochenendausgabe. Nicht ohne anzumerken, dass man erstaunt sein werde, wie sehr englischsprachige Ausdrücke in die deutsche Sprache eingewachsen sind. Darauf braucht der Leser nicht lange zu warten. Gleich auf der nächsten Seite lesen wir das Wort Online-Durchsuchung. Wie wäre es mit „Auflinie-Durchsuchung“? Natürlich ist das Blödsinn. Aber ebenso ungerecht ist die Angewohnheit vieler Zeitungsleser, ihre Zeitung einzig nach Einhaltung einer reindeutschen Sprachkultur zu überprüfen. Die Kollegen selbst achten darauf, möglichst wenige Leser von der Lektüre auszuschließen. Ich selbst erinnere mich an eine Begebenheit aus meiner Zeit als Jazzkritiker. Am Rande eines Jazzkonzerts fragte mich ein Besucher: „Wann bekomme ich denn endlich einmal eine Zeitung in Deutsch?“ Ich antwortete: „Ich kann Begriffe wie Belcanto oder Presto auch nicht mehr lesen. Warum schreibt man nicht Schöngesang oder Schnell?“

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documenta12: Jürgen Stollhans – Vorwärts auf der deutschen Märchenstraße

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Siegesgewiss lächelt Altkanzler Gerhard Schröder von einem orangefarbenen Panzer, der aufwärts, direkt zum Himmel zu streben scheint. Ein Spruchband belehrt uns: „Von den Sozialdemokraten lernen heißt siegen lernen.“ Jürgen Stollhans befasst sich in „Vorwärts auf der deutschen Märchenstraße“ mit der Bildsprache der deutschen Sozialdemokratie. Der Titel der kleinen Installation spielt natürlich auf das Parteiorgan „Vorwärts“ an. Für den Medienkanzler ein Vehikel für eigene Graßmannsträume wie die gesamte Sozialdemokratie. Doch das ist nicht alles: Geht man um das Kunstwerk herum, sind alle Dinge nur Potemkische Dörfer. Da steht ein Dixi-Klo dahinter.

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