Kategorie: Feuillton

Kultur, Musik, Film, Literatur, Zeitgeist

documenta 12: Seidenstraße

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Und wieder sind wir bei einem Chinesen, und wieder sind wir bei Seidenmalerei. Wie Hu Xioayuan stellt Lu Hao in „recording 2006 chang’an street“ moderne Inhalte in dieser alten Gestaltungstechnik um. Die Chang’an Straße in Chinas Hauptstadt Beijing ist eine der Hauptverkehrsadern der Metropole. Sie führt vom Platz des himmlischen Friedens (Tian’anmen-Platz) zur Verbotenen Stadt. Das alte China an den Rändern dieser Straße ist mittlerweile fast vollständig modernen Bürohäusern und Einkaufszentren gewichen. Lu Hao stellt in seinem Werk die Straße in ihrer ganzen Länge in schier endlosen Glasvitrinen dar. Er zeichnet sie wie sie ist, mit einer Technik, wie es sie bald vielleicht nicht mehr gibt. Sein Werk setzt dem alten China ein Denkmal, ohne es nostalgisierend darzustellen. „recording 2006 chang’an street“ ist eines von vielen sehr politischen Kunstwerken im Aue-Pavillon.

documenta 12: Siegesgärten

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Die Gärten der Sieger stellt Ines Doujak im Aue-Pavillon aus: Ein 16 Meter langer Blumenkasten auf Holzstelzen. Darin hat die Künstlerin Gras und Kräuter gepflanzt. Dazwischen stecken auf Holzstäben lustige Samentütchen, wie in jedem Gemüsegarten. Aber dieser Gemüsegarten hat es in sich. Er steckt voller Hinweise auf Patente, mit denen multinationale Konzerne die Schöpfung neu ordnen: in Dein und Mein.

documenta 12: Die Kanisterwelt des Romuald Hazoumé

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maske1.pngDer Aue-Pavillon bietet Platz für Kunst, die anderswo auf der documenta einfach den Raum sprengt. Romuald Hazoumé ist so einer: Sein Traumboot „Dream“ (oben) steht so unübersehbar wie unmissverständlich im Raum. Natürlich ist der Traum vieler Afrikaner gemeint, die in kleinen Nussschalen die Meere zu überwinden versuchen, um ins gelobte Land Europa zu gelangen. Viele lassen ihr Leben. Aber selbst diejenigen, die mit knapper Not einer Katastrophe entronnen sind, würden es wieder probieren. Das Boot besteht aus 421 Kanistern. Romuald Hazoumé kommt aus Benin in Westafrika. Dort ist der Kanister Gebrauchsgegenstand, aber auch Statussymbol. Er kennzeichnet den Menschen, verrät seine Schichten- oder Religionszugehörigkeit. Deshalb dreht sich Hazoumés Kunst stets um den Plastikbehälter, den er sogar zu überraschend ausdrucksstarken Gesichtern verarbeitet.

documenta 12 – Inigo Manglano-Ovalle: The Radio

Das Tageslicht fällt durch eine große, rot getönte Fensterscheiben in den Raum. Darin steht nur die Attrappe eines Kofferradios. Im Hintergrund Rauschen wie es zwischen den Stationen auf der Sendeskala herrscht. Wer den Raum betritt, den Inigo Manglano-Ovalle für sein Werk „The Radio“ verwendet hat, kämpft mit der Übelkeit. So sehr widerspricht der rote Raum den gewohnten Wahrnehmungsgewohnheiten.

documenta 12: Abdoulayé Konaté

Moderne Kunst versteckt sich heute gern in Rätseln. Die documenta 12 zeigt, dass es auch anders geht. Sie ist eine oft plakative, politische documenta. Plakativ wie „Gris-gris pour Israeli et la palestine“ von Abdoulayé Konaté aus Mali. Eine israelische Flagge und ein Palästinensertuch stehen einander gegenüber. Die Israeli sehen sich im oberen Tuch einer Überzahl von Palästinensertüchern gegenüber. Die Palästinenser sehen sich bedroht durch Davidsterne. Die aufgenähten Stoffwürste heißen „gris-gris“ und gelten in Mali als Glücksbringer.

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