Red im Kino: Spreng’s noch einmal, Bruce

Actionfilme könnten ein Riesenspaß sein, wenn sie nicht ständig versuchten, mehr zu sein. Erst kürzlich in „Inception“ konnte man verfolgen, wie sich ein eigentlich packender Film final im Selbstmitleid seines Helden ertränkte. Damit lag der Film im Trend: Kaum ein Hollywood-Heroe, der nicht an sich selbst litte.

Oder nehmen wir einen gewissen Bond, James Bond. Wie ist er doch abgesackt vom coolen Geheimagenten zum Amok laufenden Nervenbündel! Man fühlt sich peinlich berührt, wenn knallharte Killer, Agenten und Cops wort-, oft sogar tränenreich von böser Kindheit, verlorener Geliebten oder gemeuchelten Kindern stammeln. Und nach dem Film fühlt sich der Zuschauer wie ein Psychoanalytiker nach einem langen Arbeitstag. Der Held ist Antiheld, ist geschundene Existenz und kann nicht anders, das ist die Botschaft des modernen Actionkinos. Aber jetzt läuft „Red“ in den Kinos.

Ausbruch aus dem Altersdomizil

R.E.D. steht für „Retired, extremly dangerous“, „im Ruhestand, extrem gefährlich“. Diesen Ruhestand halten sie einfach nicht aus, die rauflustigen Rentner, die sich durch diesen Film ballern. Kein Wunder, wenn wir dem ehemaligen Geheimagenten Frank Moses (Bruce Willis) bei seinen täglichen Verrichtungen zuschauen. Mit grauem Gesicht nippt er in seinem grauen Vorstadthaus einsam an einer Kaffeetasse. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist Sarah (hinreißend naiv: Mary-Louise Parker), seine Sachbearbeiterin bei der Pensionskasse.

Ein Swat-Team erlöst ihn – und den Zuschauer – aus dieser Tristesse. Moses schaltet das Killerkommando aus, legt dabei sein Haus, seinen Vorstadtmittelschichtkerker in Schutt und Sägemehl. Gemeinsam mit Sarah sucht Frank nun die Leute, die ihm nach dem Leben trachten. Wie weiland die Blues Brothers reist er durch die Staaten, um die Band wieder zusammenzubringen.

Butterfahrt der Zerstörung

Der abgehalfterte Joe Matheson (Morgan Freeman) vegetiert in einem Pflegeheim dahin. Der paranoide Marvin (John Malkovich) verbirgt sich in den Sümpfen Floridas vor finsteren Mächten. Und Victoria (Helen Mirren), eine vollendete Lady mit feinen Umgangsformen, lebt in einem viktorianischen Herrenhaus mit Blümchenporzellan und  Nippesfigürchendie, entpuppt sich aber als eiskalte Profikillerin.

Vier Senioren auf einer Butterfahrt der Zerstörung quer durch die Vereinigten Staaten. Nur Heizdecken brauchen sie nicht. Immer auf der Flucht vor dem CIA-Killer William Cooper (Karl Urban), der Frank Moses zur Strecke bringen soll. „Das ist ein Riesenspaß“, sagt Helen Mirren in einer Szene zwischen zwei Salven aus ihrem automatischen Maschinengewehr.

Altrocker singen zur Schlägerei

Und das ist Red: Einen Riesenspaß hat der deutsche Regisseur Robert Schwentke („Die Frau des Zeitreisenden“, „Flightplan“) hier inszeniert. Ein Film, der nicht mehr sein will als er ist. Schwentke seziert seine Helden nicht, er verzerrt sie aber auch nicht zur Karikatur. Sein Film nimmt sich nur einfach nicht ernster als es ein Unterhaltungsfilm tun sollte. So kreischt unverkennbar Steven Tyler vom rockenden Altenheim Aerosmith, während Frank Moses seinen Gegenspieler Cooper vermöbelt.

Red lebt von seinem fantastischen Schauspielerensemble. Allen voran Helen Mirren. Nie hat man eine ältere Dame so elegant im Abendkleid von Pumps in Militärstiefel umsteigen sehen. Grandios auch Richard Dreyfus, der nur eine Nebenrolle abbekommen hat. Der in die Jahre gekommene Star gibt einen überwältigend zynischen rundlichen, weißhaarigen Industriellen. Bis in die Nebenrollen kommt kein Zweifel auf: Bei diesen Dreharbeiten haben die Darsteller richtig Spaß gehabt.

Groovigster Soundtrack seit Ocean’s Eleven

Einzig John Malkovich wirkt mit der einfachen Struktur seines Charakters gelegentlich etwas unterfordert und schrammt am Klamauk vorbei. Außerdem tut Schwentke mit dem Schluss weder seinem Film, noch den Darstellern einen Gefallen und schon gar nicht dem Publikum. Red ist Roadmovie, Komödie und Thriller zugleich mit dem groovigsten Soundtrack seit Ocean‘s Eleven. Red ist rasant, unterhaltsam und garantiert sinnfrei. Er nervt weder mit unerwünschten Innenansichten seiner Charaktere noch versuchen seine Helden die Welt zu retten.

Am Ende bekommt Raubein Moses das Mädchen und die grauen Panther kehren natürlich nicht ins Altersheim zurück. Wer bei Red nach einer Botschaft sucht, darf den Zitaten aus anderen Filmen im Geist noch eines hinzufügen: „Yippie Yah Yeah, Schweinebacke!“

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